Selbsttragende Karosserie: die Baureihen 120 und 121 (1953 bis 1962)

  • Die Baureihe markiert formal und technisch einen Bruch mit Traditionen der Vorkriegszeit
  • Kontinuierliche Modellpflege ermöglicht eine lange Laufzeit
  • Ein „Ponton“ ist der erste Erlkönig – der Spitzname in der Automobilbranche für Prototypen
Die neue Mercedes-Benz Limousine vom Typ 180 bricht bei ihrer Vorstellung im August 1953 formal und technisch mit Traditionen aus der Vorkriegszeit. Diese haben neben den Baureihen W 136 und W 191 auch die Typen 300 und 220 geprägt. Der
W 120 ist nun der erste Mercedes-Benz Pkw, dessen Karosserie in Pontonform gestaltet ist. Charakteristisch für diesen erstmals im Jahre 1946 in den USA realisierten Aufbau nach dem „Three Box“ -Prinzip sind voll integrierte Kotflügel, ein rechteckiger Grundriss der Karosserie und die jeweils annähernd als Quader ausgebildeten Fahrzeugbereiche Vorderwagen, Passagierabteil und Heck. Diese Konzeption ermöglicht zugleich einen geringeren Luftwiderstand (was zu weniger Windgeräuschen und sinkendem Verbrauch führt) sowie einen deutlich geräumigeren Innenraum.
Vom Typ 180 leitet Mercedes-Benz weitere Fahrzeuge der oberen Mittelklasse mit Otto- und Dieselmotor ab, außerdem von 1954 an die Oberklasse-Limousine der 220er-Familie (Baureihen 180 und 128 mit Sechszylindermotoren) sowie zusätzlich 1956 den Typ 219 (W 105). Auch der 1955 präsentierte Sportwagen 190 SL ist eine Variante der Ponton-Limousine Mercedes-Benz 190 (W 121), die Mercedes-Benz auf Anregung des USA-Importeurs Max Hoffman entwickelt. Während der Typ 190 SL eine eigenständige Karosserie erhält, lehnt sich die Gestaltung der Oberklassefahrzeuge eng an jene des Typ 180 an. Vom Modell der oberen Mittelklasse unterscheidet sich der
Typ 220 a ebenso wie seine Nachfolger grundsätzlich nur durch einen längeren Radstand (2,82 Meter statt 2,65 Meter) und damit einen größeren Innenraum, einen längeren Motorvorbau und die Ausstattung mit Sechszylinderaggregaten statt der Vierzylindertriebwerke in den Typen 180 und 190. Der von 1956 an gelieferte Typ 219 (W 105) hat die kleinere Karosserie der Vierzylinder-Typen, er ist das erste Sechszylinder-Fahrzeug der E-Klasse.
Selbsttragende Karosserie
Erstmals in der Geschichte der Mercedes-Benz Pkw ist die Karosserie des Typ 180 selbsttragend konzipiert. Dabei wird das Blech des Aufbaus fest mit der Rahmen-Boden-Anlage verschweißt und bildet eine statische Einheit. Gegenüber der früher üblichen Konstruktionsweise mit Rahmen und aufgesetzter Karosserie steigt so die Verwindungssteifigkeit bei sinkendem Gewicht. Seine Konstruktionsmerkmale machen den Typ 180 zu einem für seine Zeit hochmodernen Automobil. Entsprechend begeistert fallen die Urteile der Fachleute über die neue Limousine aus.
In Details verbessert zeigt sich auch das Fahrwerk. Gegenüber dem Typ 170 Sb sind die an Doppelquerlenkern geführten Vorderräder nun nicht mehr direkt am Rahmen, sondern an einem sogenannten „Fahrschemel“ aufgehängt. Dabei handelt es sich um einen U-förmigen, aus zwei gepressten Blechteilen zusammengeschweißten Achsträger, an dem nicht nur die Vorderradaufhängung, sondern auch Motor, Getriebe und Lenkung befestigt sind. Der Fahrschemel ist über drei Silentblöcke geräuscharm am Rahmenvorderteil gelagert. Als Hinterradaufhängung dient die bewährte Pendelachse, bei der die beiden Räder nun zusätzlich an weit auseinander liegenden Längslenkern geführt werden.
1954: Dieselantrieb im Ponton
Im Januar 1954 wird die Baureihe 120 um den Typ 180 D ergänzt, der sich später als der erfolgreichste Vierzylinder-Ponton herausstellen wird: fast 150 000 Fahrzeuge des Typ 180 D werden gebaut, vor allem bei Taxifahrern ist das Modell sehr beliebt. Bis auf den vom 170 DS übernommenen Dieselmotor, die 12-Volt-Bordelektrik und eine geänderte Hinterachsübersetzung ist die Limousine mit dem Vorkammer-Diesel
OM 636 VII (29 kW/40 PS) identisch zum Schwestermodell mit Ottomotor. Für dessen Antrieb sorgt der aus dem 170 Sb übernommene, seitengesteuerte Ottomotor
M 136 VII mit 38 kW (52 PS); dessen Basiskonstruktion geht noch auf den Typ 170 V zurück.
Die beiden Typen der Baureihe 120 erhalten im September 1955 eine neue Hinterachskonstruktion. Diese Eingelenk-Pendelachse mit tief liegendem Drehpunkt ist bereits eineinhalb Jahre zuvor beim Typ 220 a eingeführt worden. Aufgrund der geringeren Spur- und Sturzänderungen ermöglicht sie verbesserte Fahreigenschaften.
1956: Mercedes-Benz 190
Der Typ 190 (W 121) mit dem Ottomotor M 121 B I ergänzt im März 1956 die Ponton-Modellpalette der Vierzylindertypen um ein drittes Fahrzeug. Der Typ 190 basiert weitestgehend auf dem bewährten Typ 180, hat aber einen deutlich leistungsstärkeren Motor mit 55 kW (75 PS). Das obengesteuerte 1,9-Liter-Aggregat stammt ursprünglich aus dem Typ 190 SL, wo es 77 kW (105) PS leistet. In der Limousine arbeitet jedoch eine gedrosselte Variante mit herabgesetzter Verdichtung, einer zahmeren Nockenwelle und nur einem einzelnen Register-Vergaser. Auf dem Fahrschemel ist der Motor gegenüber den 180er-Typen an zwei zusätzlichen Auflagepunkten auch hinten gelagert.
Die Bremsanlage passt Mercedes-Benz den Fahrleistungen des stärkeren Motors an: Der Typ 190 bietet an den Vorderrädern verrippte Bremstrommeln sowie breitere Bremsbacken. Äußerlich unterscheidet sich der Typ 190 in Ausstattungsdetails wie Drehfenstern an den Vordertüren und einem umlaufenden Chromstreifen unter den Fenstern von seinen profaneren Brüdern. Zu den Erkennungsmerkmalen gehören zudem die etwas breitere Kühlermaske mit ihren waagerechten Chromrippen, die Zierstäbe an den Lufteinlassöffnungen links und rechts der Kühlermaske sowie verchromte Regenrinnen, größere Heckleuchten, Felgen mit Kühlschlitzen und Radkappen mit größerem Stern.
1957: Aufwertung der kleinen Ponton-Modelle
Unter dem Motto „Noch wertvoller, aber nicht teurer“ überarbeitet Mercedes-Benz zum August 1957 fast alle Pkw-Modelle mehr oder weniger deutlich. Dabei erhalten die drei Vierzylinder-Limousinen eine geänderte Innenausstattung, eine in die hinteren Stoßstangenhörner integrierte Kennzeichenbeleuchtung sowie einen Muschelgriff am Kofferraumdeckel. Die wichtigste Änderung betrifft den Typ 180: Seine überarbeitete Version, intern als 180 a bezeichnet, hat nun auch den 1,9-Liter-Motor M 121 mit obenliegender Nockenwelle. Das Aggregat basiert auf der Maschine des Typ 190, die durch niedrigere Verdichtung und Verwendung eines Einfachvergasers anstelle des Registervergasers auf 48 kW (65 PS) gedrosselt wird.
Auch äußerlich wird der Mercedes-Benz 180 aufgewertet: Im Gegensatz zum Typ 180 D erhält er die größeren Rückleuchten, die Zierstäbe am Lufteinlass und die etwas breitere Kühlermaske des Typ 190 – allerdings ohne waagerechte Chromrippen. Von April 1958 an erhalten auch die Typen 180 und 180 D Ausstellfenster an den Vordertüren und die Radkappen des Typ 190 mit dem größeren Stern.
1958: Zweiter Diesel-Ponton
Im September 1958 erweitert Mercedes-Benz das Pkw-Programm um ein zweites Diesel-Fahrzeug, den Typ 190 D. Dessen 1,9-Liter-Dieselmotor OM 621 mit 37 kW
(50 PS) haben die Motorfachleute aus dem Ottomotor Typ 190 entwickelt. Diesem Modell entspricht der neue Typ auch in seiner Karosserie-Ausstattung. Seine im Vergleich zum Typ 180 D erhöhte Leistung und verbesserte Laufruhe machen den neuen Diesel auf Anhieb zum Verkaufsschlager.
Der Typ 180 und beide Dieselmodelle erhalten 1959 an den Vorderrädern die turbogekühlten Bremstrommeln und breiteren Bremsbacken des Typ 190, außerdem steigt durch ein Anheben der Verdichtung die Motorleistung der beiden Ottomotoren auf 50 kW (68 PS) beim 180 und 59 kW (80 PS) beim 190. Deutlicher fallen die Veränderungen der Gestaltung im Sommer 1959 aus, beispielsweise an Front und Heck. Damit frischt Mercedes-Benz die Pontonmodelle der oberen Mittelklasse auf. In der Oberklasse lösen dagegen die neuen Sechszylindertypen der Baureihen 111 den großen Ponton ab.
1959: Modernisierung der oberen Mittelklasse
Die stilistisch modernisierten Typen heißen intern jetzt 180 b, 180 Db, 190 b und
190 Db. Vor allem an Front und Heck fallen die Änderungen der Designer auf: Die Motorhaube ist flacher geworden, die breitere und niedrigere Kühlermaske entspricht den neuen Sechszylindertypen. Die Stoßstangen sind etwas wuchtiger ausgeführt, kommen dafür vorn nun ohne Hörner aus. Und die Rückleuchten haben jetzt integrierte Rückstrahler. Die Typen 190 b und 190 Db unterscheiden sich äußerlich von ihren 180er Pendants durch umlaufende Chromstreifen unterhalb der Fenster sowie verchromte Regenrinnen.
Auch innen profitieren die Ponton-Modelle von der Modellpflege, bei der die passive Sicherheit eine wichtige Rolle spielt. Wie die neuen Sechszylindermodelle erhalten sie unter anderem ein Lenkrad mit Polsterplatte.
Im August 1961 lösen die Heckflossen-Vierzylindermodelle 190 c und 190 Dc (W 110) die Ponton-Limousinen des gleichen Typs ab. Allerdings werden die Typen 180 und 180 D bis 1962 weiter gebaut. Der Typ 180 D erhält für diese Produktionszeit noch einmal einen völlig neuen Motor. Diese Variante des OM 621 ist aus dem Motor des Typ 190 D entwickelt worden und leistet aus zwei Liter Hubraum 35 kW (48 PS).
Der erste Erlkönig ist auch Basis für Aufbauten
Der Mercedes-Benz 180 prägt die deutsche Fachsprache der Automobilwelt nachhaltig – und das schon vor seinem Marktstart. Denn der Ponton aus Stuttgart ist der erste Erlkönig überhaupt. Dass Prototypen künftiger Automodelle heute allgemein mit diesem Begriff bezeichnet werden, ist der Automobilzeitschrift „auto motor und sport“ zu verdanken. Das Magazin veröffentlicht 1952 ein erstes Bild des künftigen Mercedes-Benz 180 und stellt dazu als Text eine Parodie auf Goethes Erlkönig-Ballade. Daraus entsteht eine ganze Serie, deren gereimte Form den Affront gegenüber der Autoindustrie etwas abmildert. Die Umschreibung von enttarnten Versuchswagen in Versen ist schon lange aus der Mode gekommen. Aber als Erlkönig werden solche Fahrzeuge heute noch bezeichnet – auch in Wörterbüchern.
Die Ponton-Typen der Baureihen 120 und 121 sind, wie ihre Vorgängermodelle, auch als Fahrgestelle mit Teilkarosserie lieferbar. Auf diesen konstruieren Aufbauhersteller im In- und Ausland Krankenwagen, Kombiwagen und andere Sonderaufbauten. Einen hohen Verbreitungs- und Bekanntheitsgrad erreichen vor allem die Krankenwagen-Aufbauten der Firmen Binz in Lorch und Miesen in Bonn. Im Laufe der Produktionszeit erfahren die Fahrgestell-Varianten die gleichen Modellpflegemaßnahmen und Ergänzungen der Typenpalette wie die Limousinen.
Bis Oktober 1962 baut Mercedes-Benz in neun Jahren Ponton-Ära insgesamt 442 963 Exemplare der Typen 180 bis 190 D. Darunter sind 437 310 Limousinen und 5653 Fahrgestelle mit Teilkarosserie. Technisch gesehen haben auch die später gebauten Mercedes-Benz Limousinen eine Karosserie in Pontonform. Der Eigenname „Ponton-Mercedes“ bleibt im rückblickenden Sprachgebrauch aber der ersten Modellgeneration vorbehalten.
Die Baureihen 120/121 in der Presse
Über den Mercedes-Benz 180 schreibt Werner Oswald in auto motor und sport, Deutschland, Heft 24/1953: „Vor allem spricht es für seine über die Maßen leichte Bedienbarkeit, Handlichkeit und Fahrsicherheit, dass man ihn, obwohl er schließlich nicht gerade klein, leicht und langsam ist, ohne jegliche Vorbereitung bestens in der Hand hat, dass man sich in ihm sofort heimisch und sicher fühlt, dass man vom ersten Augenblick an bedenkenlos bis an die Grenze seiner durch Motor und Fahrwerk gegebenen Möglichkeiten gehen kann.“
Zu der epochalen Neuentwicklung des Mercedes-Benz 180 sagt auto motor und sport in Heft 24/1953, „Es steht zu erwarten, dass sich nach ihr für eine lange Zeit das Personenwagenprogramm der Daimler-Benz AG ausrichten wird.“
Die Motor Rundschau, Deutschland, stellt 1958 dem Typ 180 D vor allem hinsichtlich seiner Wirtschaftlichkeit ein gutes Zeugnis aus: „Sparsamkeit, Ausdauer, Elastizität und Zähigkeit sind Merkmale dieses Vierzylinder-Dieselmotors. Vom Dieselkraftstoff braucht er 2 bis 3 Liter je 100 km weniger als der entsprechende Wagen mit Benzinmotor.“
Das Magazin Motor Trend, USA, berichtet über die Testfahrt von Bill Carroll von der West- zur Ostküste im Typ 190 D: „Bricht alle Rekorde von Wirtschaftlichkeit im serienmäßigen Mercedes-Benz 190 D“.
 
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    Mehr Licht mit Hilfe von Bilux-Scheinwerfern: Mercedes-Benz 180 (Baureihe W 120) von 1953.
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    Der „Ponton“ auf Bergfahrt: Die obere Mittelklasse von Mercedes-Benz (Baureihen 120/121) vor einer Gebirgskulisse, fotografiert Anfang der 1960er Jahre.
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    Großes Fassungsvermögen: Kofferraum eines Mercedes-Benz 180 Db (Baureihe 120, 1953 bis 1962).
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    Star des Heimatfilms: Limousine des „Ponton-Mercedes“ (Mercedes-Benz Baureihen 120/121, 1953 bis 1962) vor Fachwerkkulisse.
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    „Ponton“-Hochzeit: Chassis und Karosserie einer Mercedes-Benz Limousine der Baureihe W 120 werden auf diesem 1953 aufgenommenen Bild in der Produktion vereint.
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    Klassische Moderne: „Ponton-Mercedes“ (Baureihen 120/121, 1953 bis 1962) vom Typ 190 Db.
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    Evolution: Der Dieselmotor OM 636 VII – die Abkürzung OM geht auf den Begriff „Oelmotor“ zurück – aus dem Mercedes-Benz 180 D (Baureihe W 120), 1953.
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    Sonne durchs Dach: Mercedes-Benz 180 der Baureihe W 120 (1953 bis 1962).
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    Sicherheit geht vor: Rahmenbodenanlage der Mercedes-Benz Baureihe W 120 von 1952. Die Weiterentwicklung führte zur Realisierung des Patents von Béla Barényi über die Sicherheitszelle.
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    Bestseller: „Ponton“-Limousinen stehen im Mercedes-Benz Werk Sindelfingen 1953 bereit für ihre Auslieferung.
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    Erster Mercedes-Benz mit moderner „Ponton“-Karosserie: 1953 erschien der Typ 180 mit selbsttragender Karosserie.
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    Treuer Blick: Mercedes-Benz 180 Db aus dem Jahr 1959 mit der für diese Epoche typischen Front.
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    Vielseitiger Typ: Fahrgestell eines Mercedes-Benz 180 b aus dem Jahr 1960 mit zweitüriger Teilkarosserie für Sonderaufbauten.
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