Ein großes Kapitel Lkw-Geschichte: vom LP 608 bis zum neuen Atego

  • LP 608: 1965 setzt der Aufbruch in die Moderne ein
  • LK und MK: ausgeprägter Variantenreichtum
  • Atego: neu strukturiert für das Segment der Verteiler-Lkw
Klein, aber oho: Mit dem 1965 in Brüssel vorgestellten Leicht-Lkw LP 608 beginnt in mehrerlei Hinsicht ein ganz neues Kapitel des Nutzfahrzeugbaus bei Daimler-Benz. Perfekt passt das Fahrzeug zur seinerzeit beschlossenen Weichenstellung des Konzerns, sich im Pkw-Bereich auf die Segmente ab der oberen Mittelklasse zu konzentrieren, bei den Nutzfahrzeugen aber als stück­zahlstarker Generalist in allen Klassen aufzutreten.
Dabei übernimmt das neue Werk in Wörth von Anfang an eine wichtige Rolle. Dort ist gerade die Vorserie des LP 608 gestartet. Und im Sommer 1965 gehen die ersten serienmäßig produzierten Fahrzeuge auf Kurs zu den Kunden.
Wichtiger Schritt auf dem Weg zum Vollsortimenter
Mit dem LP 608 ist Mercedes-Benz nun auch im Bereich der Leicht-Lkw mit einem eigens dafür konzipierten und wieselflinken Fahrzeug präsent. Damit ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Vollsortimenter mit modernen Front­lenkerkabinen vollzogen. Das "P" in der Typenbezeichnung steht übrigens für „ Pullmann-Kabine“ und dient im Mercedes-Benz Modellprogramm seit den 1950er Jahren zur Unterscheidung von den gleichzeitig angebotenen Hauben­fahrzeugen.
Es scheint, als hätten die Kunden auf so einen wie den LP 608 nur gewartet: Er erobert das Segment der mit Pkw-Führerschein zu fahrenden 6,5-Tonner im Flug und erreicht sehr schnell einen Marktanteil von 45 Prozent. Die Front­lenker-Kabine des LP 608 orientiert sich mit ihrer quadratischen Erscheinung und den großen Fensterflächen am Beispiel der schweren Lkw mit kubischer Kabine, die Mercedes-Benz schon 1963 auf den Markt gebracht hatte.
Im Unterschied zur schweren Klasse befinden sich beim LP 608 die Schein­werfer anfangs im Kühlergrill, und der Einstieg liegt hinter der weit nach vorn gezogenen Vorderachse. Über nur eine niedrige Stufe gelangt der Fahrer in die Nahverkehrskabine, die allerdings noch nicht kippbar ist.
Dieser besonders niedrige und bequeme Einstieg – eine elementare Funktionalität im Nahverkehr –wird sich bis zum neuen Atego unserer Tage wie ein roter Faden durch die Geschichte der leichten und mittelschweren Lastwagen von Mercedes-Benz ziehen.
Der OM 314 steht für niedriges Gewicht
Die ideale Ergänzung zum schlanken Erscheinungsbild des LP 08 ist der neue Motor OM 314, der in seinen Grundfesten auf den legendären und besonders leicht konzipierten Nachkriegs-Sechszylinder OM 312 zurückgeht. Im Unter­schied zu ihm tritt der OM 314 nun aber als einer der ersten Direkteinspritzer-Diesel von Mercedes-Benz an und begnügt sich mit vier statt sechs Zylindern.
Anfangs mit 59 kW (80 PS) ausgerüstet, steigt die Leistung des Vierzylinders auf 63 kW (85 PS) im Jahr 1969. 1967 bereichert in Gestalt des LP 808 schon ein erster 7,5-Tonner das Programm und hat mit 4,5 Tonnen Ladekapazität rund eine Tonne Nutzlast mehr als der Benjamin zu bieten.
Tonnage auf elf Tonnen ausgebaut
1970 erscheinen zwei weitere und stärker motorisierte Vertreter der leichten LP-Reihe, die als LP 811 und LP 913 zwar auf den 5,7-Liter-Sechszylinder OM 352 (81 sowie 96 kW/110 und 130 PS) aus der mittelschweren Klasse zurückgreifen, aber ebenfalls mit der tief montierten Grundkabine der leichten LP ausgestattet sind. Bis auf elf Tonnen Gesamtgewicht und 21,6 Tonnen Zug­gewicht werden die leichten LP ihren Radius im Lauf der Zeit noch erweitern.
Zwei Modellpflegen erlebt diese Riege an Leicht-LP mit kleiner kubischer Kabine während ihrer knapp 20-jährigen Karriere: 1977 kommt ein Fahrzeug mit mehr flächig gestalteter Front auf den Markt, wobei die Scheinwerfer aus dem Grill hinab in die Stoßfänger wandern. Aus dem LP 608 wird so der auf­gelastete LP 708 mit 63 statt 59 kW (85 statt 80 PS) und rund einer halben Tonne mehr an Nutzlast. Im Jahr 1979 werden schließlich alle Wartungsstellen der leichten LP nach außen verlegt, um damit das Manko der nicht kippbaren Kabine auszugleichen.
Mannheim fertigt parallel die Mittelschweren
Parallel zu den leichten LP baut das Werk Mannheim weiterhin mittelschwere Lkw, die sowohl in Hauben- als auch in Frontlenkerbauweise vom Band rollen. Ab 1965 verabschieden sich diese mittelschweren Frontlenker von der alten, rundlichen Frontlenkerkabine und schließen ihrerseits mit einem eigenen zeit­gemäßen Mittelklassefahrerhaus die Lücke zwischen großer und kleiner kubischer LP-Kabine.
Die Cluster überlagern sich
Die Präsenz der leichten und mittelschweren Lkw von Mercedes-Benz hat somit in relativ kurzer Zeit eine bemerkenswerte Dichte erreicht, zumal die kurzhaubigen Großtransporter der 1968 eingeführten, später T2 genannten Modellreihe ihrerseits noch einmal in die Region von 6 – und später auch 7,5 – Tonnen Gesamtgewicht vorstoßen. Eine weitere Steigerung folgt: Als die Mittel­schweren aus Mannheim 1975 den Mittelklässlern der Neuen Generation aus Wörth weichen, intensiviert sich die Marktpräsenz ein weiteres Mal.
In 10, 12, 14 und 16 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht ist die vierköpfige Grundstaffel aufgeteilt, in die Mercedes-Benz das Baukastenkonzept der „Neuen Generation“ ab 1975 gliedert – ab jetzt mit kippbaren Fahrerhäusern in der Mittelklasse. An die Seite der Reihensechszylinder der Baureihe 300 treten nun auch V-Motoren aus der neuen Baureihe 400.
1984: Die Leichte Klasse kommt
Mitte der 1980er Jahre erwächst diesen mittleren Fahrzeugen der Neuen Generation starke hauseigene Konkurrenz durch die 1984 in Rom vorgestellte Baureihe LN2 – auch LK wie "Leichte Klasse" genannt. Sie beerbt mit einem Gewichtsspektrum von 6,5 bis 11 Tonnen nicht nur die leichten LP, sondern stößt im weiteren Verlauf auch zügig in die oberen Segmente bis 15 Tonnen Gesamtgewicht vor.
Der mit den LK-Fahrzeugen 1984 eingeleitete Technologie-Sprung ist enorm: Kippbare Kabinen gibt es nun ab 6,5 Tonnen Gesamtgewicht aufwärts und erstmals werden Niederquerschnittsreifen angeboten. Bei den Pritschenwagen kann die Luftfederung an der Hinterachse optional geordert werden. Serien­mäßig sind die neuen Leichten zudem mit Servolenkung sowie einer reinen
Druckluft-Zweikreisbremse versehen. Die Motorisierung fußt wie bei den leichten Ur-LP auf Vier- und Sechszylindern der Baureihe 300 und klettert im Lauf der Zeit bis hinauf an die Marke von 176 kW (240 PS).
Premiere der langen Kabinen im leichten Segment
Typisch für die Kabinen sind die schräg nach vorn abfallende Linie der Seiten­fenster sowie der weiterhin sehr niedrig ausgeführte Einstieg vor der Vorder­achse des Fahrerhauses. Als völliges Novum bei den Leichten wird erstmals für alle Modelle optional ein langes, mit Liege ausgestattetes Fahrerhaus angeboten. Optisch wird die Familienzugehörigkeit zu den Fahrzeugen der Neuen Generation durch die leicht gewölbte Front sowie den klassischen Mercedes-Benz Breitbandkühlergrill sichergestellt.
Zweimal erhält der LK eine Modellpflege und bleibt damit nicht nur technisch auf der Höhe seiner Zeit: Mit der Umstellung auf Euro II wird 1994 ein um fünf Zentimeter verlängertes Standardfahrerhaus mit einem handlicheren Lenkrad eingeführt. Ab 1996 fährt die Leichte Klasse mit einem kräftigeren Kühlergrill vor, dessen Rippen breiter ausgeführt sind.
Wachwechsel bei den Motoren
Zusätzlich wird die Motorisierung im Jahr 1996 umfassend überarbeitet. Im Leistungssegment bis 125 kW (170 PS) ersetzen die Techniker den OM 364 LA komplett und teilweise auch den OM 366 LA durch den Vierzylinder der neuen Motorenbaureihe 900 mit 90, 100 sowie 136 kW (122, 136 sowie 170 PS).
Ausschließlich mit 900er-Motoren sind die Leichten und Mittleren von Mercedes-Benz aber erst dann bestückt, als die neue Baureihe Atego den LK im Jahr 1998 ablöst. Gut 300 000 Mal ist der LK in 14-jähriger Bauzeit vom Wörther Band gerollt, als der Atego die leichte und mittlere Klasse ganz neu definiert. Sein typisches Kennzeichen: ein vorn gekröpfter Rahmen, der es möglich macht, die Kabine noch einmal tiefer als bisher zu montieren und somit den Einstieg bequemer denn je zu gestalten.
Atego strukturiert das leichte und mittlere Segment völlig neu
Vom Atego sind von Beginn an vier Kabinen lieferbar, deren Spektrum vom kurzen Nahverkehrshaus bis zum fernverkehrstauglichen L-Fahrerhaus mit Hochdach reicht. Weich und kubisch ist ihre Formgebung gestaltet, tief liegt der Grill mit seinem in die Wartungsklappe hineinragenden Stern. Zu den Annehmlichkeiten im Inneren gehören ein griffiges Vierspeichenlenkrad, eine neu entwickelte motorfeste Schaltung sowie diverse Ablagemöglichkeiten.
Zum OM 904 LA gesellt sich im Atego jetzt auch noch das sechszylindrige Pendant namens OM 906 LA, das in den Leistungsvarianten 170 kW (231 PS) sowie 205 kW (279 PS) debütiert. Beide Motoren sind mit Dreiventiltechnik und Einzelsteckpumpen optimal auf die zur Jahrtausendwende in Kraft tretende Abgasnorm Euro III vorbereitet.
Die Skala der Tonnage umfasst weiterhin zulässige Gesamtgewichte von 6,5 bis 15 Tonnen, die Zahl der Spezifikationsmöglichkeiten ist beeindruckend: 25 verschiedene Grundtypen und insgesamt 240 Baumuster stehen zur Markt­einführung parat. Die Spanne der Varianten reicht vom klassischen Verteiler über Kommunalvarianten bis hin zu Sattelzugmaschinen oder Kippern für den Bau.
Alles, was bei den mittleren Lkw 15 Tonnen Gesamtgewicht übersteigt oder auf mehr als zwei Achsen rollt, zählt nun in aller Regel zu den Reihen Atego schwer (1998 bis 2004) sowie Axor (ab 2001). Dass die lange Atego-Kabine durchaus auch Fernverkehrsqualitäten besitzt, zeigt nicht nur die Baureihe Axor in Europa: In Brasilien zum Beispiel sind Fernverkehrsfahrzeuge von Mercedes-Benz heute nahezu ausnahmslos mit Atego-Kabinen ausgestattet.
Zweite Generation Atego im Schulterschluss mit dem Actros
Die zweite Generation des Atego debütiert auf der IAA Nutzfahrzeuge 2004. Nicht nur im Design, sondern auch mit zahlreichen technischen Neuerungen demonstriert sie einen engen Schulterschluss mit dem Schwer-Lkw-Flaggschiff Actros. Das Innenraumkonzept mit seinem um den Fahrer arrangierten Cock­pit entspricht in der Ergonomie dem des vielgelobten Actros 2.
Als "Global Cockpit" wird dieses Konzept jetzt weltweit verwendet und kommt zum Beispiel auch in den brasilianischen Lkw von Mercedes-Benz zum Einsatz. Premiere im Verteilerverkehr feiern zudem ein automatisiertes Sechsgang­getriebe sowie eine in das Telligent-Bremssystem integrierte Rückrollsperre (Hillholder).
Der erfolgreichste Hybrid-Lkw Europas
Auf der IAA 2008 zeigt Mercedes-Benz den Atego als wegweisenden Klassen­primus im Segment der Verteiler-Lkw. Vorgestellt werden nicht nur auf SCR-Technik basierende BlueTec-Motoren gemäß Euro IV und V, sondern zugleich auch eine Hybridvariante mit zwölf Tonnen Gesamtgewicht. Seit seinem Marktstart im Jahr 2010 wurde er weit mehr als 100 Mal verkauft.
Im Jahr 2010 folgt die dritte Generation des Atego. Ihre charakteristischen Merkmale lauten: Design im Stil des Actros der dritten Generation mit noch stärker betontem Grill, ein weiter aufgewertetes Interieur mit Multifunktions­lenkrad und ein neu gestaltetes Kombiinstrument. Darüber hinaus werden die Ausstattungsmaterialien nochmals verfeinert und das Ablagenkonzept weiter optimiert.
Der Dritte im Bunde: Der neue Atego
Der neue Atego führt mit seinem weiterhin vorn gekröpftem Rahmen und der somit kompromisslos funktionalen Auslegung des Einstiegs den elementaren Vorteil des bewährten Atego fort. Gleichzeitig reiht er sich nahtlos in die neue Struktur des SFTP-Konzepts (Strategic Future Truck Programm) von Daimler Trucks ein. Die Produkthomogenität reicht von den neuen Motoren über die­selben Bezugsstoffe, Materialien, Schalter und Instrumente im Innenraum bis hin zum Exterieur-Design.
In der Summe aber teilt sich der neue Atego eine Vielzahl an Designelementen mit seinen großen Brüdern. Ob die durch den Mercedes-Stern angeschnittene Vorbauklappe, gepfeilter und quasi schwimmend gelagerter Grill, ob vorderer Aufstieg, die Eckbeplankung oder das prägnante Lochgitter hinter dem Kühler­grill: All diese typischen Merkmale stellen den neuen Atego nahtlos in eine Reihe mit neuem Actros sowie den Baufahrzeugen Arocs und weisen ihn unverkennbar als Dritten im Bunde der SFTP- Familie aus.

  • U26448.
    Nicht nur bei der SL Reihe: Mercedes-Benz LP 608 aus dem Jahr 1965 mit Zentralstern und horizontalem Chromstreifen.
  • 84F22
    Mercedes-Benz, die Leichte Klasse aus dem Werk Wörth, 1984.
  • U31962
    Mercedes-Benz Typ LPK 608 als Kipper, 1965.
  • B97F5652
    Mercedes-Benz Atego 1 im Verteilerverkehr, 1998.
  • U41846
    Mercedes-Benz LPKO 608 in Kommunalausführung mit Hebebühne, 1966.
  • U25575
    Mercedes-Benz Typ LP 608, 1965.
  • U25576
    Mercedes-Benz Fahrerhaus vom LP 608, 1965.
  • U25581
    Mercedes-Benz, Motor unterm Sitz vom LP 608, 1965.
  • U40608
    Mercedes-Benz LP 608 mit Möbelkoffer-Aufbau, 1966.
  • U29084
    Mercedes-Benz, LP 608 im Verteilerverkehr, 1965.
  • 84F34
    Mercedes-Benz LK, Pritschenwagen mit Stahlpritsche
  • CL0323
    Mercedes-Benz LP 608
  • CL0338
    Mercedes-Benz LK 11 20
  • CL0350
    Mercedes-Benz 814 K
  • CL0359
    Mercedes-Benz Atego 1
  • A98F0425
    Mercedes-Benz Atego 1, Fahraufnahme, von vorne
  • A98F0434
    Mercedes-Benz  Atego 1, Fahraufnahme schräg von vorne
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