Die Geschichte der Experimental-Sicherheits-Fahrzeuge (ESF) bei Mercedes-Benz: Meilensteine der Sicherheitsentwicklung

In den frühen 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts baute Mercedes-Benz allein im Rahmen des ESV-Programms über 30 Versuchsfahrzeuge zur Erforschung künftiger automobiler Sicherheitssysteme. Sie ebneten den Weg für eine Vielzahl von Innovationen, die zum Teil erst Jahre später in Serie gebaut werden konnten. Dazu gehören ABS, Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer, Airbag und Seitenaufprallschutz.
In den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ließ sich eine negative Seite der Massenmotorisierung nicht mehr ignorieren: Immer mehr Menschen starben auf den Straßen. Die US-amerikanische Verkehrsbehörde (DOT) startete daher 1968 ein Programm zur Entwicklung von Experimental-Sicherheits-Fahrzeugen (ESV) und initiierte die internationale „Technical Conference on the Enhanced Safety of Vehicles“ (ESV – Technische Konferenz für verbesserte Sicherheit von Fahrzeugen). 1970 wurden die ersten Anforderungen definiert, die von Experimental-Sicherheits-Fahrzeugen erfüllt werden sollten. Dazu gehörten ein überaus anspruchsvoller Front- und Heckaufprall auf eine starre Barriere mit 80 km/h und ein Seitenaufprall auf einen Mast mit 20 km/h. Die Versuchsträger sollten aber auch kleinere Unfälle mit 16 km/h ohne bleibende Verformungen an Front und Heck überstehen. Außerdem glaubte man, den amerikanischen Verbrauchern das aktive Anlegen von Sicherheitsgurten nicht zumuten zu können, daher waren automatische Gurtsysteme vorgesehen, die sich selbsttätig nach dem Schließen der Türen um die Frontpassagiere legten.
Die amerikanische Regierung sprach auch eine Einladung an ausländische Staaten aus, sich an der Sicherheitsforschung zu beteiligen. Daraus entstand 1970 das bis heute aktive European Enhanced Vehicle Safety Commitee (EEVC – Europäisches Komitee zur Verbesserung der Fahrzeugsicherheit).
Bei Mercedes-Benz wurde die Herausforderung, Fahrzeuge noch sicherer zu konstruieren, geradezu enthusiastisch aufgenommen. Schließlich konnte man zu dieser Zeit schon auf mehr als 20 Jahre kontinuierlicher Sicherheitsforschung zurückblicken. Und rund zehn Jahre zuvor, 1959, war die entscheidende Grundlage für alle künftigen Sicherheitsentwicklungen bei der Marke mit dem Stern bereits in Serie gegangen: Die Sicherheitskarosserie mit Aufprallenergie verzehrenden Knautschzonen vorn und hinten und einer stabilen Fahrgastzelle dazwischen.
Ab Frühjahr 1971 kam das Projekt ESV in der 1969 als eigenständige Abteilung gegründeten Sicherheitsforschung bei Mercedes-Benz in Sindelfingen groß ins Rollen. Insgesamt wurden in den folgenden vier Jahren 35 Fahrzeuge aufgebaut und erprobt. Der erste Test fand am 12. März 1971 mit einem W 114-Serienwagen, also der damaligen Mittelklasse-Baureihe, statt: Er wurde bei einem Frontalaufprall mit 80 km/h gegen eine feststehende Wand geprüft. Zu den Crashversuchen gehörten unter anderem Front- und Heckaufprall-Versuche, Seitenaufpralltests gegen Masten und mit anderen Fahrzeugen, aber auch
Falltests aus 0,5 Meter Höhe.
Doch nicht nur der Schutz der Insassen bei einem Unfall durch entsprechend optimierte Fahrzeugstrukturen und neuartige Rückhaltesysteme stand im Fokus der Entwickler. Auch vor fast vierzig Jahren galt schon der für Mercedes-Benz bis heute typische ganzheitliche Sicherheitsansatz, wie ein Auszug aus der Beschreibung des im Mai 1972 vorgestellten ESF 13 zeigt.
Dort finden sich auch heute noch aktuelle Stichworte wie Konditionssicherheit durch Sitzkomfort, Klimatisierung und angenehmes Schwingungs- und Geräuschverhalten. Zum Begriff Wahrnehmungssicherheit bietet das ESF 13 unter anderem pneumatische Leuchtweitenregelung, Scheinwerfer-Wisch-Wasch-Kombination, Kontrolle der Rückleuchten vom Innenraum aus, einen Heck-scheibenwischer sowie eine Sicherheits-Farbgebung durch helle Farbe und Farbkontraststreifen. Zur Äußeren Sicherheit zum Schutz von Fußgängern und Zweiradfahrern besitzt das ESF 13 zum Beispiel Front- und Heckstoßfänger mit geschäumten Seitenteilen, Regenleisten aus Gummi und abgerundete Türgriffe. Auch an die Feuersicherheit wurde gedacht: Kraftstoffbehälter über der Hinterachse mit großem Abstand zur Auspuffanlage, durch eine vom Motoröldruck abhängige Vorrichtung wird die Kraftstoffförderpumpe still gelegt, ein Ventilsystem verhindert das Auslaufen von Kraftstoff bei anomaler Fahrzeuglage, die im Innenraum verwendeten Materialien sind schwer entflammbar und ein Feuerlöscher ist griffgünstig unten vorn am Fahrersitz montiert.
Insgesamt präsentierte Mercedes-Benz die folgenden vier ESF der Öffentlichkeit:
ESF 5: Entwickelt auf Basis der Baureihe W 114 („Strich-Acht“), präsentiert auf der 2. Internationalen ESV-Konferenz vom 26. bis 29. Oktober 1971 in Sindelfingen
  • Ausgelegt für Aufprallgeschwindigkeit 80 km/h
  • Fünf Dreipunkt-Gurte mit je drei Kraftbegrenzern, Gurte vorn
    selbstanlegend
  • Fahrer- und Beifahrer-Airbag, zusätzlich je ein Airbag in den Rücken-lehnen der Vordersitze für die außen sitzenden Fondpassagiere. Dadurch Steigerung des Gewichtes der Sitze vorn auf je 63 kg (Serie: 16 kg).
  • Umfangreiche strukturelle Versteifungen im Vorderwagen und seitlich
  • Leergewicht fahrfertig: 2.060 kg (665 kg mehr als Serie)
  • Gesamtlänge 5.340 mm (655 mm mehr als Serie)
  • Radstand gegenüber Serie um 100 mm verlängert, um trotz voluminöserer Sitze Platzangebot im Fond zu erhalten
  • Vorbauverlängerung inkl. hydraulischer Pralldämpfer: 370 mm
  • V6-Versuchsmotor, um Verformungsraum vorn zu gewinnen
  • Armaturentafel mit Blechaufprallkörper im Beifahrerbereich
  • Alle in Frage kommenden Aufprallbereiche im Innenraum mit Polyurethanschaum abgepolstert, insbesondere Türen, Säulen und Dachrahmen
  • Türen ohne Drehfenster, elektrische Fensterheber
  • Leuchtenwischer, Leuchtweitenregelung, Heckscheiben-Parallelwischer
  • Seitliche Begrenzungsleuchten, Heckleuchten mit Stillstandrelais und Kontrolleinrichtung
  • Front- und Heckscheibe aus Verbundglas, geklebt
  • Pedale mit abgerundetem Unterteil
  • ABS-Bremse
ESF 13: Stilistisch überarbeitete Variante des ESF 5, präsentiert auf der 3. Internationalen ESV-Konferenz vom 30. Mai bis 2. Juni 1972 in
Washington (USA)
  • Rückhaltesysteme und weitere Details wie beim ESF 5
  • Leergewicht fahrfertig: 2.100 kg (705 kg mehr als Serie)
  • Gesamtlänge 5.235 mm (550 mm mehr als Serie)
  • Vorbauverlängerung inkl. hydraulischer Pralldämpfer: 420 mm
  • Die Änderungen der Außenabmessungen ergaben sich in erster Linie durch die Neugestaltung von Bug und Heck. Die Stoßfänger waren nun unterfahrbar angeordnet, der Verformungsweg blieb gleich. Bug und Heck wurden verlängert, um den Stoßfängerüberhang auf ein stilistisch vertretbares Maß zu reduzieren.
ESF 22: Auf Basis der Baureihe W 116 (S-Klasse 1971), präsentiert auf der 4. Internationalen ESV-Konferenz vom 13. bis 16. März 1973 in Kyoto (Japan)
  • Ausgelegt für Aufprallgeschwindigkeit 65 km/h
  • Vier Dreipunktgurte mit je drei Kraftbegrenzern und einem Gurtstrammer
  • Fahrer: Airbag statt Gurtstrammer
  • Leergewicht fahrfertig: 2.025 kg (287 kg mehr als Serie)
  • Gesamtlänge 5.240 mm (280 mm mehr als Serie)
  • Vorbauverlängerung inkl. hydraulischer Pralldämpfer: 245 mm
  • ABS-Bremse
ESF 24: Modifizierte S-Klasse (W 116), präsentiert bei der 5. Internationalen ESV-Konferenz vom 4. bis 7. Juni 1974 in London (Großbritannien)
  • Rückhaltesystem wie ESF 22
  • Leergewicht fahrfertig: 1930 kg (192 kg mehr als Serie)
  • Gesamtlänge 5.225 mm (265 mm mehr als Serie)
  • Vorbauverlängerung inkl. hydraulischer Pralldämpfer: 150 mm
  • ABS-Bremse
Damit waren die Grundlagen für das heutige Sicherheitsniveau der Autos mit dem Stern gelegt. Zitat aus dem zusammenfassenden Versuchsbericht (1975): „Das ESF 24 ist als Abschluss des Projekts zu betrachten, da mit diesem Fahrzeug ein optimaler Kompromiss zwischen den ursprünglichen ESV-Anforderungen und unseren heutigen Serienwagen vorliegt.“
Nun gehörte die Sicherheit ganz selbstverständlich zum Entwicklungsumfang neuer Autos, in rascher Folge flossen die im Rahmen des ESF erstmals umgesetzten Ideen in die Serie ein. Meilensteine dafür waren unter anderem:
1978: ABS geht in Serie
1980: Weltpremiere von Fahrerairbag und Gurtstraffer
1995: Gurtkraftbegrenzer und Seitenairbags gehen in Serie

  • 09C439_035
    TecDay Safety 2009: Sicherheitsexperimentalfahrzeug ESF
  • 09C530_05
    TecDay Safety 2009: Sicherheitsexperimentalfahrzeug ESF
  • 09C530_06
    TecDay Safety 2009: Sicherheitsexperimentalfahrzeug ESF
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    TecDay Safety 2009: Sicherheitsexperimentalfahrzeug ESF
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    TecDay Safety 2009: Sicherheitsexperimentalfahrzeug ESF
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    TecDay Safety 2009: Sicherheitsexperimentalfahrzeug ESF
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    TecDay Safety 2009: Sicherheitsexperimentalfahrzeug ESF
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