Der Benz Patent-Motorwagen von 1888 - Ältestes Originalauto der Welt

  • Ein im Originalzustand erhaltener Benz Patent-Motorwagen aus dem Jahr 1888 ist Gastexponat im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart
  • Seit 1913 im Besitz des Science Museum, London
  • Noch in den 1950er Jahren nimmt das Fahrzeug an Fernfahrten teil
Der Benz Patent-Motorwagen gilt als das erste Automobil der Welt. Ein im Originalzustand erhaltenes Exemplar aus dem Jahr 1888 ist noch bis November 2008 im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart zu sehen.
Carl Benz stellt den Patent-Motorwagen 1886 vor und baut danach mehrere dieser dreirädrigen Fahrzeuge, insgesamt etwa 25 Stück. Das Modell I ist der ursprüngliche Patent-Motorwagen. Er hat Stahlspeichenräder und weitere konstruktive Details, die auf den hochmodernen Fahrradbau der Zeit verweisen. Das modifizierte Modell II entsteht ursprünglich ebenfalls als Dreirad, wird dann aber versuchsweise auf vier Räder umgebaut. Der Wagen ist inklusive der Achsschenkellenkung, die in ihm erprobt wird, ein weiterer wichtiger Schritt hin zum modernen Automobil. Vermutlich hat es nur ein Exemplar gegeben.
Das erste Automobil, das in geringen Stückzahlen verkauft wird, ist aber das Modell III. Es gibt unterschiedliche Aufbauten. So kann der Kunde sich für eine zusätzliche Vis-à-vis-Sitzbank und damit insgesamt vier Sitzplätze entscheiden oder auch für ein Faltverdeck. Das Fahrzeug hat Holzspeichenräder. Die beiden hinteren, angetriebenen Räder (Durchmesser: rund 125 Zentimeter) sind mit Stahl beringt, während das lenkbare Vorderrad (Durchmesser: 80 Zentimeter) mit Vollgummi belegt ist. Der Radstand beträgt rund 1,58 Meter und die Spurweite 1,25 Meter.
Die Vermarktung fällt Benz nicht leicht – bis der Franzose Emile Roger aus Paris einen ersten Auslandsvertrieb übernimmt. Der heute im Besitz des Science Museum in London befindliche Patent-Motorwagen Modell III gelangt über Roger nach England, wie eine Plakette am Fahrzeug beweist. Er wird vermutlich 1888 von Benz gebaut und wohl im selben Jahr in München am Isartor anlässlich der Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung gezeigt. Dieses Fahrzeug ist der älteste im Originalzustand erhaltene Benz Patent-Motorwagen und damit zugleich das älteste originale Automobil. Außerdem ist er mit großer Wahrscheinlichkeit das erste Fahrzeug mit Benzinmotor, das in England betrieben worden ist. Er hat die Vis-á-vis-Sitzbank und ursprünglich auch ein Leder-Faltverdeck.
Es ist unbekannt, an wen Roger das Fahrzeug verkauft. Als sicher gilt, dass er das Modell III auf der Weltausstellung 1889 in Paris präsentiert. Wahrscheinlich sieht der englische Käufer das Fahrzeug in Paris und bringt das Technikwunder auf die Insel. Das Science Museum kauft es 1913 für fünf Pfund von einer Miss E. B. Bath aus King’s Lynn, Norfolk. Diese hat den Benz von ihrem Bruder erhalten, der in der Automobilbranche tätig ist.
Der Kauf wird von Mr. E. A. Forward vom Science Museum abgewickelt. In einem Brief rät er dem Museumsvorstand im April 1913 zum Kauf: „Dieses Auto ist ein wertvolles historisches Relikt, und ich bezeichne es als großartigen Fund. […] Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist, ein Exemplar irgendwo zu erstehen, und bin sehr erstaunt, eines in diesem Land zu finden.“ Forward ordnet das Fahrzeug sehr exakt in der Benz- und der Automobilgeschichte ein und schlussfolgert: „Die Verdienste von Carl Benz für die Entwicklung des modernen Autos waren so bedeutsam, gleichbedeutend mit denen von Daimler, dass es vollkommen gerechtfertigt ist, ein Exemplar des ersten Fahrzeugtyps zu erwerben.“
Forward betreut das Fahrzeug in den Folgejahren. Dabei wird es meist fahrfertig gehalten. 1936 fährt Forward sogar einmal wöchentlich vor dem Museum auf und ab, um die Eigenschaften des Patent-Motorwagens zu demonstrieren. Dazu wird dieser dauerhaft zugelassen und erhält das Nummernschild „A 250“ .
Im Jahr 1957 wird der Motorwagen dann in der museumseigenen Werkstatt komplett überholt, inklusive Mechanik, Karosserie, Verdeck und Lackierung in der originalen Farbgebung. Nach erneutem Einfahren und Erproben meldet das Museum ihn für den 1957 stattfindenden „London to Brighton Veteran Car Run“ des Royal Automobile Club von London nach Brighton an, an dem nur Fahrzeuge bis Baujahr 1905 teilnehmen dürfen. Erwartet wird, dass das Fahrzeug an steilen Passagen externe Schubhilfe brauchen würde – was zumindest bis zum Anstieg vor Purley nicht der Fall ist. Dort versagen jedoch bei heftigem Regen die Bremsen, und die Vorderradgabel wird bei einer Kollision mit einem anderen Fahrzeug beschädigt. Das bringt das Aus für diese Fahrt – doch so enttäuschend es ist, bis dahin legte das Fahrzeug ohne jedes Problem rund 22 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 12 km/h zurück. Das gibt berechtigte Hoffnung für eine erfolgreiche Teilnahme an der Veranstaltung ein Jahr später. Der Schaden wird in der Museumswerkstatt repariert, gleichzeitig erhält der Patent-Motorwagen nur für diese Fahrt eine Bandbremse.
Am 2. November 1958 startete der Benz um sieben Uhr morgens am Hyde Park auf seine Reise nach Brighton, bei dem üblichen trüben Wetter“, berichtet der Fahrer, C. F. Caunter vom Science Museum. „Um 8.20 Uhr erreichte das Fahrzeug ohne Stopp die Anhöhe bei Purley, diese ersten 22 Kilometer wurden also mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 16 km/h zurückgelegt.“ Problemlos meistert der Benz weitere Anhöhen, wobei bergauf mal der Beifahrer absteigen muss, mal bergab das Fahrzeug vorsichtig von Hand geschoben wird. Viermal hält das Auto, um Benzin und Wasser nachzufassen, einmal wird der Hauptantriebsriemen gewechselt. „Um 2.40 Uhr war der Madeira Drive [in Brighton] erreicht“, notiert Caunter – ohne irgendwelche Probleme. Der Benz Patent-Motorwagen hat in 6 Stunden 25 Minuten reiner Fahrzeit rund 90 Kilometer hinter sich gebracht, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 14 km/h entspricht, die übrige Zeit ist für die Versorgungsstopps notwendig. Die Lenkung und die Bremsen bemängelt Caunter in seinem Bericht, insbesondere bei Bergabfahrten. Die Kupplung und das Zweiganggetriebe bezeichnet er jedoch als höchst effektiv und bewertet das Fahrzeug als insgesamt zuverlässig. Nach dieser Fahrt bekommt der Patent-Motorwagen einen Platz in der ständigen Ausstellung des Science Museum.
Im September 1958, also kurz vor dem „London to Brighton Veteran Car Run“, gelangt das Fahrzeug übrigens auf Einladung des Deutschen Museums nach München. Dort ist es Teil der Feierlichkeiten zum 70jährigen Bestehen der Daimler-Benz AG, inklusive eines Oldtimerkorsos durch die Stadt. Am Oskar-von-Miller-Ring wird ein Carl-Benz-Denkmal eingeweiht, und das Deutsche Museum nimmt Carl Benz in seine „Hall of Fame“ auf. Im Anschluss an die Feierlichkeiten wird der Patent-Motorwagen des Science Museum zwei Wochen lang im Deutschen Museum ausgestellt. Das Deutsche Museum selbst besitzt außerdem den allerersten Patent-Motorwagen von Carl Benz. Allerdings ist dieses Automobil eine Rekonstruktion aus den Originalteilen, die bei Benz & Cie. um 1900 ausgeführt wird: Das 1886 gebaute Automobil ist nach der Erprobung zum Teil demontiert worden, der Motor treibt mehrere Jahre lang als Stationäraggregat eine Maschine an. 1906 kommt der wieder aufgebaute Motorwagen nach München. Er ist das erste Automobil, das im ersten deutschen Technikmuseum ausgestellt wird.
Die Technik des Benz Patent-Motorwagen Modell III
Der Einzylinder-Viertaktmotor ist liegend über der Hinterachse angebracht (Hubraum 2,0 Liter), bei 250/min entwickelt er nach ursprünglicher Spezifikation eine Leistung von 2 PS (1,5 kW). Leicht andere Werte zeigt das Fahrzeug des Science Museum auf dem Messstand: Bei der Restaurierung im Jahr 1957 stellen die Fachleute fest, dass die Kompressionsrate des Motors 3:1 beträgt und die höchste Drehzahl bei 450/min liegt. Das lässt auf eine Motorleistung von rund 3 PS (2,2 kW) schließen.
Die Kurbelwelle steht senkrecht, weil Carl Benz bei der Konstruktion des Fahrzeugs annimmt, dass die Kreiselbewegung eines vertikal angeordneten Schwungrads die Lenkbarkeit des Fahrzeugs negativ beeinflussen würde – eine Konstruktion, die 1890 ad acta gelegt wird. Das Schwungrad ist am unteren Ende der Kurbelwelle angebracht und auf einer Quertraverse des Chassis gelagert.
Am oberen Ende der Kurbelwelle ist ein schräg verzahntes Ritzel angebracht, das über ein identisches, vertikal angebrachtes Ritzel eine Welle antreibt. Diese trägt an ihrem Ende eine Riemenscheibe, welche wiederum mit der Gangwahl verbunden ist. Das Fahrzeug hat zwei Gänge, die über ein Kettengetriebe geschaltet werden und für rund 8 und 16 km/h gut sind. Von der gleichen Welle wird über einen Paralleltrieb mit halber Geschwindigkeit die Nockenscheibe zur Steuerung der Ventile und der Zündung angetrieben. Ein Oberflächenvergaser stellt das explosive Gas-Luft-Gemisch zur Verfügung, der Benzintank befindet sich unter der hinteren Sitzbank. Eine Zündkerze sorgt für den Zündfunken, dessen elektrische Energie von einer Zündspule plus Batterie stammt. Der Einzylinder ist wassergekühlt: Das Wasser gelangt aus einem Vorratsbehälter (gleichfalls unter der hinteren Sitzbank) in die Zylinderhausung und verdampft schließlich – ein damals übliches Prinzip, bevor die Umlaufkühlung ihren Weg ins Auto findet.
Das einzelne Vorderrad wird über eine senkrecht stehende Drehkurbel gelenkt. Zwei Stahlrohre verbinden den Steuerkopf mit der Hinterachse und formen so einen Unterrahmen, von dem aus drei Vollelliptik-Blattfedern (die vordere quer zur Fahrtrichtung) die aus Holz gefertigte Karosserie von den Rädern entkoppeln. Das Chassis ist aus Eisenrohren gefertigt, bei Fahrzeugen mit Vis-à-vis-Sitzbank ist es vorn nach oben gezogen. Ein querlaufender T-Träger fängt den Motor ab. Die Bremsen wirken auf die Hinterräder und sind mit Holz belegt; sie werden über einen Kurbelmechanismus betätigt, an dessen Gestänge parallel der Ganghebel läuft. Das Fahrzeug wird von der hinteren Sitzbank aus gesteuert.
 
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    Mannheimer Produkt und erstes Automobil der Welt: Der Benz Patent-Motorwagen, Modell 3. In insgesamt drei Varianten wurde er von 1886 bis 1894 gebaut.
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    Mannheimer Produkt und erstes Automobil der Welt: Der Benz Patent-Motorwagen, Modell 3. In insgesamt drei Varianten wurde er von 1886 bis 1894 gebaut.
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    Benz Patent-Motorwagen Typ III, zeitgenössische Aufnahme: Solch ein Fahrzeug aus dem Jahr 1888 gelangte über Emile Roger nach Großbritannien, wie eine Plakette beweist. Es ist heute der älteste bekannte Patent-Motorwagen im Originalzustand.
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    Benz Patent-Motorwagen Typ III, zeitgenössische Aufnahme: Solch ein Fahrzeug aus dem Jahr 1888 gelangte über Emile Roger nach Großbritannien, wie eine Plakette beweist. Es ist heute der älteste bekannte Patent-Motorwagen im Originalzustand.
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    Der Erfinder und sein Werk: Carl Benz (vorn) auf seinem Patent-Motorwagen Typ III, zusammen mit Friedrich von Fischer, gleichfalls Mitglied der Geschäftsführung bei Benz & Cie.
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    Begegnung: Der originale Benz Patent-Motorwagen aus dem Jahr 1888 (links) trifft auf eine Replik des ersten Automobils der Welt aus dem Jahr 1886.
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    In Erinnerung an die Urgroßmutter: Jutta Benz am Benz Patent-Motorwagen aus dem Jahr 1888. Auf einem ähnlichen Fahrzeug unternahm Bertha Benz im gleichen Jahr die erste Automobil-Fernfahrt von Mannheim nach Pforzheim und zurück.
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    Gegenüberstellung: Der Benz Patent-Motorwagen aus dem Jahr 1888 (links) beruht auf dem ersten Automobil der Welt aus dem Jahr 1886, ist aber etwas größer.
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    Echte Freude über die Ankunft: Jutta Benz, die Urenkelin von Carl Benz, am Benz Patent-Motorwagen aus dem Jahr 1888. Das Fahrzeug befindet sich im Besitz des Science Museum, London.
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    Benz Patent-Motorwagen, 1888: In der dritten Evolutionsstufe hatte das Fahrzeug unter anderem Holzspeichenräder.
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