Benz Patent-Motorwagen „Velociped“ von 1894: Das erste Serienauto der Welt

Benz Patent-Motorwagen „Velociped“ von 1894: Das erste Serienauto der Welt
15.
Dezember 2008
Stuttgart/Mannheim
  • Leicht, robust, schnell und vergleichsweise preisgünstig
  • Durchweg mit modernen Konstruktionen ausgestattet
  • Insgesamt entstehen gut 1200 Stück
Carl Benz spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Automobils. Vom Benz Patent-Motorwagen aus dem Jahr 1886, dem ersten Automobil der Welt, werden rund 25 Exemplare gebaut. Carl Benz hatte ihn als Dreirad konstruiert, weil es seiner Meinung nach für ein derartiges Fahrzeug noch keine gut funktionierende Vorderachslenkung gibt – die bisher an Kutschen verwendet Lenkung hält er im Automobil für ungeeignet. Er löst das Problem und meldet 1893 die Achsschenkellenkung zum Patent an (DRP Nr. 73515). Erstmals setzt er sie im gleichen Jahr im vierrädrigen Modell „Victoria“ ein. Doch ihm schwebt ein leichteres Auto vor, das schließlich auf der Weltausstellung in Chicago (1. Mai bis 31. Oktober 1893) präsentiert wird – das „Velociped“. Es erweist sich als überaus erfolgreich – mehr als 1200 Stück werden gebaut. Damit gilt es als erstes Serienauto der Welt.
Der Fahrzeugname hat Bezug: Carl Benz hatte sich auch mit der Entwicklung von Fahrrädern beschäftigt, im Sprachgebrauch der damaligen Zeit „Velociped“ genannt. Schon früh verwendet er die Bezeichnung bei seinen ersten Dreirädern, vermutlich, weil sich seine leichten Automobile von den schweren Kutschen mit eingebautem Motor unterschieden. Das „Velo“ erfüllt alle Kriterien, die sein Konstrukteur berücksichtigen möchte. Es ist leicht, robust, schnell und vergleichsweise preisgünstig – es kostet „complett in feinster Ausstattung mit Laternen“ 2000 Mark, was freilich für damalige Verhältnisse keine kleine Summe ist.
Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 20 km/h. Das Fahrzeug wird auf einem Holzrahmen mit Eisenverstärkung aufgebaut. Es ist kompakt, misst bei rund 2,25 Meter Länge 45 Zentimeter weniger als der dreirädrige Patent-Motorwagen und wirkt richtiggehend grazil auf seinen Drahtspeichenrädern. In seiner ersten Version von 1894 wiegt es 280 Kilogramm und damit stolze 380 Kilogramm weniger als ein Victoria. Vorn wie hinten findet man Starrachsen. Die Achsschenkellenkung wird über eine senkrechte Lenksäule in der Wagenmitte betätigt.
Für das „Velo“ konstruiert Benz einen neuen, kleineren Motor. Er wird wie bisher liegend eingebaut, schöpft aus einem Hubraum von 1045 Kubikzentimetern 1,5 PS (1,1 kW) bei 450/min, das Verhältnis Bohrung/Hub beträgt 110/110 mm. Zunächst kommt der Benz-Oberflächenvergaser zum Einsatz, später der Schwimmervergaser, gleichfalls eine Konstruktion von Carl Benz. Wie schon im Dreirad wird der Motor durch Drehen des Schwungrads angelassen – und dann läuft er in gleichmäßigem Takt vor sich hin. Der unter der Sitzbank angeordnete Kraftstofftank fasst 18 Liter; was auf den ersten Blick reichlich klingt, sich jedoch relativiert bei einem Verbrauch von rund 14 Litern auf 100 Kilometer. Der unter einer Holzhaube untergebrachte Motor treibt über zwei Flachriemen die Vorgelegewelle mit einer Los-, einer Festscheibe und einem integrierten Differential an, von dort laufen zwei Ketten zu beiden Hinterrädern. Wie in den größeren Motoren von Dreirad und Victoria ist das Kurbelgehäuse noch offen, ein geschlossenes Gehäuse kommt im Jahr 1898. Es gibt zwei Vorwärtsgänge und zunächst keinen Rückwärtsgang. Die Kraft wird über ein Zweistufen-Flachriemengetriebe übertragen. Das Velo kommt auf Drahtspeichenrädern mit Vollgummireifen daher. Vorn messen sie im Durchmesser 550 Millimeter, hinten 850 Millimeter. Der Radstand beträgt 1340 Millimeter, die Spur vorn 1000 Millimeter und hinten 1040 Millimeter.
Luftreifen für das Nachfolgemodell
1896 kommt als verbesserte Version des „Velo“ das Modell „Comfortable“ für 2500 Mark. Es ist durchweg besser ausgestattet, hat – gegen einen Aufpreis von 350 Mark – Luftreifen, im damaligen Sprachgebrauch „Pneumatics“ genannt. Der Durchmesser der Räder beträgt vorn 540 und hinten 780 Millimeter. In einem zeitgenössischen Zeitungsbericht heißt es: „Das Fahrzeug fällt durch seine elegante Formgebung und sorgfältige Ausstattung auf und beweist, dass die Benzwerke schon bald Wert darauf legten, nicht nur vorzüglich konstruktiv durchgebildete und ausgeführte sondern auch äußerlich formvollendete Wagen zu liefern.“ Der Motor leistet jetzt – bei unverändertem Verbrauch – 2,75 PS (2 kW) bei 600/min und wird mit einer Andrehkurbel gestartet, was eine große Erleichterung bedeutet. Auch kann man für 200 Mark Aufpreis nun ein zusätzliches Planetengetriebe mit drei Vorwärtsgängen und einen Rückwärtsgang ordern. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt nun bis zu 30 km/h. Es gibt weiteres Zubehör, wie eine zeitgenössische Verkaufsbroschüre vermerkt: „Halbverdeck und Spritzleder Mk 200, mit Parasol Mk 100“.
Im Jahr 1900 wird ein erneut überarbeitetes Modell vorgestellt. Es bietet 3 PS (2,2 kW) bei 700/min aus unverändert 1045 Kubikzentimeter Hubraum. Das 1896 eingeführte Getriebe mit Rückwärtsgang gehört nun zur Serienausstattung. 1901 steigt die Motorleistung noch einmal an, auf 3,5 PS (2,6 kW).
Mit dem Modell „Velo“ erreicht Carl Benz vor allem zwei Dinge: Zum einen zeigt die Zahl von mehr als 1200 Stück, dass der Wunsch nach einer persönlichen Mobilität unabhängig vom Pferd groß ist. Zum anderen bahnt es den Weg, den Benz mit seinem Unternehmen beschritten hat: Automobile in großer Stückzahl zu bauen.

Medien

Zurück

  • 11376
    Benz Comfortable mit 2 kW (2,75 PS) Leistung, Produktionszeit ab 1898.
  • 60404
    Mit dem Motor-Velociped wird das Modellprogramm von Benz & Cie. im Jahr 1894 um einen preisgünstigen Kleinwagen ergänzt. Die bis 1902 gebaute Typenfamilie, zu der auch der Benz Comfortable gehört, wird zum ersten Großserienautomobil der Welt.
  • 1989M163
    Klara Benz am Steuer eines Benz-Velo. Das Benz-Velo, das in den Jahren 1884 bis 1899 gebaut wurde, gilt als das erste in Serie hergestellte Kraftfahrzeug. Von 1894 bis 1897 wurden nachweislich 381 Stück ausgeliefert. Der Preis für ein Fahrzeug mit abnehmbarem Halbverdeck, betrug 2200 Goldmark.
  • 87F261
    Mit dem Motor-Velociped wird das Modellprogramm von Benz & Cie. im Jahr 1894 um einen preisgünstigen Kleinwagen ergänzt. Die bis 1902 gebaute Typenfamilie, zu der auch der Benz Comfortable gehört, wird zum ersten Großserienautomobil der Welt.
  • 87F420
    Das Benz Velo aus dem Jahre 1894 war das weltweit erste Serienautomobil.
  • U 53457
    Ausfahrt anno 1895 (von Weinheim nach Schrießheim entlang der Bergstraße). Unterwegs im kleinen Benz "Velo" (rechts) - die Benz Töchter Klara (am Lenkrad) und Thilde. Am Steuer des Benz Patent-Motorwagen "Phaeton" ist Benz Sohn Richard. Er leistete zu dieser Zeit seinen Militärdienst und trägt Uniform. Bei den übrigen Mitfahrern handelt es sich um Verwandte der Familie Benz.
  • 84104-17
    Benz Velo, hier in der Version 1895.
Lade...