10. VDI-Sicherheitstagung: „Viel erreicht, aber jetzt nicht nachlassen“

10. VDI-Sicherheitstagung: „Viel erreicht, aber jetzt nicht nachlassen“
26.
November 2015
Stuttgart/Berlin
Stuttgart/Berlin.  Nur noch halb so viele Verkehrstote wie 2010 im Jahr 2020 – diesem gesamteuropäischen Ziel der Verkehrspolitik hat sich 2011 die VDI‑G esellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik (FVT) in ihrer „Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit“ angeschlossen. Doch die Halbzeitbilanz, die FVT-Vorsitzender Prof. Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg jetzt auf der 10. VDI-Sicherheitstagung in Berlin zog, zeigt: Noch sind erhebliche Anstrengungen nötig, um dieses Ziel zu erreichen.
Seit fünf Jahren stagniert die Zahl der Unfalltoten in Deutschland. 2010 starben auf Deutschlands Straßen 3.648 Menschen, 2014 waren es 3.377 Menschen. „Das sind noch immer hohe Zahlen, auch wenn sich im internationalen Vergleich zeigt, dass wir hinsichtlich der Verkehrssicherheit schon sehr viel erreicht haben“, betont Schöneburg, zugleich Leiter Fahrzeugsicherheit, Betriebsfestigkeit und Korrosionsschutz Mercedes-Benz Cars. „Aber wir dürfen jetzt nicht nachlassen: Jeder Verkehrstote ist einer zu viel.“
Die Gründe für die Entwicklung sind vielfältig: „Wenn man sich die Unfallstatistik genauer anschaut, sieht man, dass wir sehr viel im Rahmen der Fahrzeugsicherheit erreicht haben. Etwa 50 % der Verkehrstoten sind Fahrzeuginsassen, Tendenz weiter sinkend“, so Schöneburg. „Auf der anderen Seite zeigen die Zahlen aber auch, dass zunehmend die ungeschützten Verkehrsteilnehmer außerhalb des Fahrzeugs zu den Opfern zählen – Fußgänger, Fahrradfahrer und Motorradfahrer.“
Präventiver Schutz für schwächere Verkehrsteilnehmer
Daher sei es notwendig, durch präventive Maßnahmen Unfälle ganz zu vermeiden oder zumindest in ihrer Schwere zu verringern. Schöneburg: „Vorausschauende Sicherheitssysteme und Umfeldsensoren können durch intervenierende Maßnahmen wie Warnungen, Bremsenvorkonditionierung und automatische Notbremsungen die Aufprallgeschwindigkeit deutlich minimieren, in vielen Fällen vielleicht eine Kollision sogar vermeiden.“ Großes Potenzial biete auch die Car-to-X Kommunikation. Infrastruktur-Systeme „beobachten“ die Verkehrssituation und erstellen ein Lagebild, vorausfahrende Fahrzeuge können Nachrichten für den nachfolgenden Verkehr versenden. Bei einer Gefahrensituation kann eine Warnung an andere Fahrzeuge gesendet werden. Auch „klassische“ Infrastrukturmaßnahmen seien weiter zu verfolgen: erkannte Unfallschwerpunkte müssten beseitigt, Verkehrswege, z. B. von Fahrspur und Radweg, getrennt und die Sichtbarkeit von Fußgängern und Zweiradfahrern verbessert werden. Schließlich, so Schöneburg, müsse über eine Helmpflicht für Pedelec-Fahrer nachgedacht werden.
Bessere Überlebenschancen in modernen Pkw
Einen Schwerpunkt der diesjährigen VDI-Sicherheitstagung bildete die Frage, wie die Zahl der Verkehrsunfallopfer in Deutschland bis 2020 nachhaltig reduziert werden kann. Für den Bereich „Insassen- und Partnerschutz Pkw“ stellte Michael Fehring, Leiter Konzepte, Kindersicherheit und Low Speed Crash, Daimler AG, mehrere Lösungsansätze vor.
Dazu gehören:
  • Neue Methoden zur Bewertung innovativer Sicherheitssysteme: Entwicklungstools wie das virtuelle Mensch-Modell geben genauer als ein Crashtest-Dummy Aufschluss, was mit den Fahrzeuginsassen bei einem Unfall geschieht.
  • Förderung integraler Sicherheitsbewertungsmethoden: Damit lassen sich integral wirkende Sicherheitssysteme vor und während des Unfalls hinsichtlich ihres Potenzials bewerten; nötig ist eine erweiterte und durchgängig simulatorische Plattform.
  • Verbesserte Performance der Rückhaltesysteme für Fondinsassen.
  • Nutzung vorhandener Sensoren der Umgebungserfassung für Pre-Crash-Maßnahmen, beispielsweise für voranstoßende Rückhaltesysteme.
  • Erneuerung des Fahrzeugbestandes.
„Die Anzahl der Getöteten in älteren Fahrzeugen ohne moderne Sicherheitsausstattung ist überproportional hoch“, erläutert Fehring den letztgenannten Punkt. Würden 16 Millionen Fahrzeuge der Baujahre 1990 bis 2004 durch moderne Modelle mit neuester Sicherheitstechnologie ersetzt, könnten bis zu 36 % der getöteten Pkw-Insassen überleben. „Denn Unfälle, die mit älteren Fahrzeugen passieren, können mit modernen Fahrzeugen zum Teil vermieden werden. Und etliche Unfälle mit älteren Fahrzeugen, die für die Insassen tödlich enden, ließen sich in modernen Autos überleben.“
In einem Fachvortrag stellten die Mercedes-Benz Entwicklungsingenieure Dr. Julien Richert und Ralf Bogenrieder auf der VDI-Tagung die Sicherheits­innovation „PRE‑S AFE® Impuls Seite“ vor. Dieses System bewegt den Insassen bei einer erkannten und unvermeidbaren Seitenkollision durch sich schnell füllende Luftkammern in den Seitenwangen der Rückenlehnen präventiv seitlich weg vom Gefahrenbereich. Dadurch vergrößert es den Abstand zwischen Insassen und Tür. Der Clou: Das System löst schon kurz vor dem Kontakt mit dem Unfallgegner aus. Seine Serienpremiere feiert PRE-SAFE® Impuls Seite im Frühjahr 2016 in der neuen Mercedes-Benz E-Klasse.
Mercedes-Benz unterstützt die Landesverkehrswacht Nordrhein-Westfalen
Am Rande der VDI-Tagung Fahrzeugsicherheit hat Prof. Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg einen Scheck in Höhe von 20.000 US-Dollar (umgerechnet knapp 18.000 Euro) an Burkhard Nipper, geschäftsführender Direktor der Landesverkehrswacht Nordrhein-Westfalen (LVW NRW), überreicht.
Damit spenden Schöneburg und die Mercedes-Benz Ingenieure Marica Paurevic und Hans Weisbarth ihr Preisgeld, das sie im Juni zusammen mit der „Medaille für Umwelt- und Sicherheitstechnologie 2015“ von der US-Technikervereinigung IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers) als Auszeichnung für den von ihnen entwickelten Gurtschlossbringer erhalten haben.
Die Spende kommt der Verkehrssicherheitsarbeit zugute. Die LVW NRW sensibilisiert unter anderem für das Fahren mit dem Sicherheitsgurt, da sich trotz hoher Anschnallquoten von über 90 % allein in Nordrhein-Westfalen im letzten Jahr die Zahl der bei Verkehrsunfällen getöteten und nicht angeschnallten Fahrzeuginsassen gegenüber dem Vorjahr von 17 auf 24 erhöht hat – eine Steigerung um 41 %. Und mit dem Flyer „ Fahrerassistenzsysteme: Orientierungshilfe für Senioren“ informiert die LVW NRW über Angebot und Funktionsweise moderner Assistenzsysteme in Autos und unterstützt damit auch ältere Verkehrsteilnehmer dabei, möglichst lange und möglichst sicher mobil zu bleiben.

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Namen von links nach rechts: Prof. Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg, Leiter Fahrzeugsicherheit, Betriebsfestigkeit und Korrosionsschutz Mercedes-Benz Cars; Hans Weisbarth, Teamleiter Gurtsysteme; Marica Paurevic, Teamleiter Konzepte Fahrzeugsicherheit; Burkhard Nipper, geschäftsführender Direktor der Landesverkehrswacht Nordrhein-Westfalen (LVW NRW); Prof. Dr. Klaus Rompe, Berater zu Fragen der Verkehrssicherheit
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Prof. Dr. Rodolfo Schöneburg, Centerleiter Passive Sicherheit
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