Forschungsfeld Mensch, Gesellschaft und Auto

Stuttgart, 06.10.2006
  • 8. November 1981: Grundsteinlegung für das neue Forschungszentrum der Daimler-Benz AG in Berlin
  • Der Fahrsimulator ist eine vielbeachtete Innovation
Ein eigenes Zuhause für die Forschungsgruppe Berlin: Am 8. November 1981 erfolgt im Werk Berlin-Marienfelde die Grundsteinlegung für das neue Forschungszentrum der damaligen Daimler-Benz AG. Unter anderem investiert das Unternehmen 25 Millionen Mark (umgerechnet rund 12,8 Millionen Euro) in den Bau eines Fahrsimulators, um das Verhalten von Fahrer und Fahrzeug im Straßenverkehr künftig noch intensiver erforschen zu können. Darüber hinaus stehen ganz allgemeine Studien über die Zukunft des Verkehrs, die Entwicklung der Verkehrssicherheit, die Zuverlässigkeit der Energieversorgung und den Wertewandel in der Gesellschaft auf dem Programm.
Das Fachgebiet Zukunft, Verkehr und Umwelt ergänzt die übrigen Forschungsstandorte von DaimlerChrysler. Es verlagert seine Büros schon 1977 nach Berlin, pünktlich zur 75-Jahr-Feier des dortigen Werks. Anfangs sind dort 25 Psychologen, Informatiker, Wirtschaftswissenschaftler, Physiker und Verkehrsingenieure beschäftigt und forschen im Wortsinn interdisziplinär: Es geht um Mensch und Fahrzeug, Gesellschaft und Technik, Verkehr und Verkehrsumfeld, Mikro-Elektronik. Die Aktivitäten und damit die Zahl der Mitarbeiter werden systematisch ausgeweitet, und bald sind die bestehenden Einrichtungen zu klein. So fällt die Entscheidung für den Neubau.
Ein gutes Beispiel für die Tätigkeit der Berliner Forschungsgruppe ist das Nahverkehrsfahrzeug NAFA, das 1981 in enger Zusammenarbeit mit ihr und den technisch ausgerichteten Forschungseinrichtungen des Unternehmens entsteht. Die Forscher hinterfragen Ende der 1970er Jahre das Freizeitverhalten der Autokäufer, um Fahrzeuge für unterschiedliche Zielgruppen und Bedürfnisse zu bauen. Das zweisitzige NAFA entspringt der Idee, dem Fahrer einer großen Mercedes-Benz Limousine ein kompaktes und dennoch komfortables Stadtauto zu bieten, vor dem Szenario, dass er mit der Limousine vom Umland an die Stadtperipherie fährt und dort in den Zweisitzer umsteigt, um sich im Stadtgebiet zu bewegen. Das NAFA bietet den Sitzkomfort einer S-Klasse, braucht aber nur einen winzigen Parkplatz, hat raumsparende Schiebetüren, und verschiedene Antriebskonzepte sind auch bereits vorgesehen – damit ist die Grundkonzeption identisch mit dem ursprünglichen smart City Coupé, das später smart fortwo heißt.
Der Fahrsimulator wird im Mai 1985 eingeweiht. Er sorgt für beachtliche Fortschritte bei der Automobilentwicklung und ist im weltweiten Forschungsgeschehen eine vielbeachtete Innovation. Und so funktioniert er: Der Erprobungsraum ist auf beweglichen, steuerbaren Hydraulikbeinen untergebracht. In ihm befindet sich eine 180-Grad-Projektionswand, welche simulierte Straßenszenen darstellt, realitätsnah mit Häusern, Verkehrsschildern, Fußgängern und Gegenverkehr. Vor dieser Projektionswand wird ein Fahrzeug installiert, seine Steuereinrichtungen sind über Datenleitungen mit der komplexen Computersteuerung des Fahrsimulators verbunden. Nun kann die Fahrt losgehen: Wie der Mensch am Lenkrad auch tätig ist mit Lenken, Gasgeben und Bremsen – es wird von der Computersteuerung sensibel aufgenommen und hat Auswirkungen. Die dargestellte Szenerie ändert sich ständig, und der auf den Hydraulikbeinen bewegliche Raum simuliert die Lage des Autos zum Untergrund in Echtzeit, beispielsweise Seitenneigung oder das Einnicken beim Bremsen. Die Illusion ist perfekt, inklusive Rückstellkräften am Lenkrad und dem Quietschen der Reifen. Somit hat die künstliche Fahrt höchste Realitätsnähe. Die Forscher beobachten die Reaktionen des Menschen am Steuer genau, und natürlich können sie ihm auch ganz gezielt Aufgaben stellen. Mit dem Fahrsimulator tritt die Autokonstruktion in eine vollkommen neue Ära ein, denn erstmals können neue Technologien simuliert und damit auch ausprobiert werden, bevor sie gebaut werden. Auch für externe Forschungsprojekte spielt der Fahrsimulator eine Rolle.
1985 erhält Daimler-Benz für den Fahrsimulator den Innovationspreis der deutschen Wirtschaft. Kontinuierlich wird die Anlage auf den neuesten Stand gebracht, allein im Jahr 1994 investiert das Unternehmen in zweistelliger Millionenhöhe, und im Jahr 2004 fließen noch einmal rund drei Millionen Euro in die Technik. Jedes Mal ist die Illusion des Autofahrens noch perfekter, werden die Forschungsergebnisse genauer.
Heute – Stand 2006 – besteht die Forschungsgruppe Berlin aus 280 Mitarbeitern. An der Grundausrichtung ihrer Tätigkeit hat sich kaum etwas geändert, nach wie vor geht es um Zukunftsforschung, Software und Informationstechnologien. Manches Projekt aus den vergangenen 25 Jahren ist dabei längst aus der Zukunft in der Gegenwart angekommen und bereichert die Autos von heute.

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    Der Fahrsimulator spielt bei der Entwicklung moderner Fahrsicherheits- und Assistenzsysteme eine immer größere Rolle. Die Anlage der DaimlerChrysler-Forschung in Berlin-Marienfelde, die weltweit zu den leistungsfähigsten Fahrsimulatoren der Automobilindustrie gehört, wurde deshalb in den vergangenen Jahren kontinuierlich modernisiert.
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    Der Fahrsimulator in Berlin, 1985.
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    Der Fahrsimulator in Berlin, 1985.
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    Der Fahrsimulator in Berlin, 1985.
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    Der Fahrsimulator in Berlin, 1985.
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    NAFA – das „Nahverkehrsfahrzeug“
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    NAFA – das "Nahverkehrsfahrzeug"
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