939 Kilometer mit 4 PS

Stuttgart, 16.06.2004
  • Vor 110 Jahren: Erste Fernfahrt im Automobil
  • Von Böhmen an die Mosel
  • Besuch bei Carl Benz in Mannheim
939 Kilometer mit 4 PS: In einem Benz „ Victoria“ bricht Theodor Baron von Liebieg am 16. Juli 1894 von seinem Heimatort Reichenberg in Böhmen (heutiger Name: Liberec/Tschechien) auf und fährt nach Gondorf bei Koblenz. Was einfach klingt, war ein Abenteuer– die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt gerade mal 13,6 km/h. Während der Reise, die als erste Fernfahrt im Automobil gilt, macht von Liebieg auch einen Abstecher zu Karl Benz nach Mannheim.
Man darf sich die Tour nicht als Spazierfahrt vorstellen: Das Auto ist offener als manche Kutsche, und Fahrer und Beifahrer sind allen Elementen schonungslos ausgesetzt. Die Straßen sind bestenfalls gepflastert, und selbst das ist nicht unbedingt angenehm. Die Fahrzeugtechnik funktioniert zwar aus damaliger Sicht höchst zuverlässig, doch stellt sie dennoch immer wieder Herausforderungen, die damals alltäglich waren, wie beispielsweise ein überschwemmter Vergaser, gelockerte Muttern und das Justieren der Zündkontakte. Und Benzin gibt es nicht bequem an der Tankstelle, sondern nur in Apotheken und Drogerien – der Treibstoffverbrauch liegt bei rund 21 Litern auf 100 Kilometer. Bemerkenswert ist auch der Wasserverbrauch des offenen Kühlsystems von etwa 150 Litern je 100 Kilometer. Die Höchstgeschwindigkeit des Benz „Victoria“ beträgt 20 km/h.
Doch der 22jährige von Liebieg (geboren 15. Juni 1872, gestorben 24. Mai 1939), Spross einer bedeutenden Textilindustriellenfamilie und selbst Fabrikant, und sein Begleiter, der Freund und Arzt Franz Stransky, meistern die Fahrt und sind sogar äußerst zufrieden, weil alles so reibungslos abläuft. Sie bleiben einen ganzen Monat in Gondorf, dem Wohnsitz von Liebiegs Mutter. Von dort unternehmen sie mit dem „Victoria“ mehrere Ausfahrten, unter anderem nach Reims/Frankreich. Am 22. August wird die Rückreise von Gondorf wieder über Mannheim nach Reichenberg angetreten, wo die Herren am 31. August, also neun Tage später eintreffen. Insgesamt bewältigen sie in jenem Sommer 2500 Kilometer.
Der „Victoria“ von Liebieg ist ein frühes Exemplar, es trägt die Fabriknummer 76 und steht heute nach einer aufwendigen Restaurierung durch die Spezialisten des Mercedes-Benz Classic Centers im Technischen Nationalmuseum in Prag. Theodor von Liebieg kaufte es persönlich bei Carl Benz und reiste dazu mit 21 Jahren im Oktober 1893 eigens nach Mannheim. Es wird überliefert, dass er Carl Benz schon beim Kauf ankündigte, ihn im Folgejahr mit dem Fahrzeug zu besuchen; Carl Benz soll sich angesichts dieses Plans sehr überrascht gezeigt haben – seine bisherigen Kunden lauschten zwar seinen Ausführungen über den künftigen Siegeszugs des Automobils, doch eine solch weite Reise hatte bisher niemand einem seiner Fahrzeug zugetraut. Der „Victoria“ gelangt per Eisenbahn nach Reichenberg, er ist das erste Automobil dort. Baron von Liebieg absolviert nach Einweisung durch einen Benz-Mechaniker eine Probefahrt – und erhält die erste Fahrerlaubnis der Region.
Baron von Liebieg und sein Begleiter sind so begeistert von der Fernfahrt, dass sie sie ein Jahr später wiederholen. Dabei erreichen sie Gondorf auf direkterem Wege bereits nach vier Tagen. Wieder verbringen sie einen Monat dort und machen einen weiteren Ausflug mit dem „Victoria“ nach Reims. Diesmal besuchen sie Carl Benz auf dem Rückweg und bleiben drei Tage; während dieser Zeit wird das Fahrzeug komplett überholt.
Mit seinen Fahrten hat Theodor von Liebieg das Vertrauen von Carl Benz gewonnen. Dieser bittet ihn, einen Tourenwagen beim ersten deutschen Rennen Berlin – Leipzig am 20. September 1899 zu fahren. Von Liebieg siegt.
Der Benz „Victoria“ hat Automobilgeschichte geschrieben. Er ist das erste vierrädrige Fahrzeug mit Achsschenkellenkung, eine der wichtigsten Erfindungen von Carl Benz mit Bedeutung bis zum heutigen Tag. Der Einzylindermotor mit stehendem Schwungrad ist liegend eingebaut, er leistet 1893 beim Debüt des „Victoria“ 3 PS, dann, wie im Fahrzeug von Liebieg, 4 PS und später bis zu 6 PS. Der „Victoria“, zeitlebens das Lieblingsauto von Carl Benz, wird bis zum Jahr 1900 gebaut.
Zum 110jährigen Jubiläum der Fernfahrt wollen deutsche und tschechische Oldtimerfreunde im Sommer 2004 die Strecke mit historischen Fahrzeugen nachfahren. Die „Baron von Liebieg-Gedächtnisfahrt“ ist vom 18. bis 25. Juli 2004 geplant. Zugelassen sind nur Autos, die vor 1914 gebaut worden sind.
Die Fahrtstrecke
Nach seinen eigenen Aufzeichnungen nahm Theodor Baron von Liebieg auf dem Benz „Victoria“ folgende Strecke:
16. Juli:
Reichenberg – Zittau – Bautzen – Dresden – Wilsdorf – Waldheim (196 Kilometer in
14 Fahrstunden)

17. Juli:
Waldheim – Altenburg – Zeitz – Eisenberg (112 Kilometer in 8 Fahrstunden)

18. Juli:
Eisenberg – Jena – Weimar – Erfurt – Gotha – Eisenach (136 Kilometer in
9 Fahrstunden)

19. bis 20. Juli:
zweitägige Fahrt ohne Übernachtung: Eisenach – Hünfeld – Fulda – Hanau – Offenbach – Frankfurt – Darmstadt – Lampertheim – Mannheim (282 Kilometer in
26 Fahrstunden)

21. Juli:
Mannheim – Kreuznach – Bingen – Boppard (173 Kilometer in 10 Fahrstunden)

22. Juli:
Boppard – Koblenz – Gondorf (40 Kilomter in 2 Fahrstunden) Gesamtzeit:
69 Fahrstunden für 939 Kilometer

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    Carl Benz mit Familie und Baron Theodor von Liebieg im Jahre 1894, während einer Autofahrt von Mannheim nach Gernsheim, mit Benz Viktoria und Benz Patent-Motorwagen Vis-à-Vis.
  • 808856
    Benz Victoria "Vis-à-Vis" aus dem Jahre 1894.
  • 808859
    Benz Victoria "Vis-à-Vis" mit Sonnendach, 1894.
  • U72198
    Benz Victoria "Vis-à-Vis", 1893.
  • 87F523
    Benz Victoria Vis-à-Vis, Produktionszeit 1893 bis 1896. Mit der Konstruktion einer funktionstüchtigen Achsschenkellenkung ist für Carl Benz ab 1893 der Weg frei zu vierrädrigen Fahrzeugen. Das erste Modell mit der neuen Lenkung nennt er Victoria.
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    Theodor von Liebieg unternimmt mit seinem Benz "Victoria" vom 16.- 22. Juli 1894 die erste wirkliche Fernreise in der Geschichte des Automobilismus. Die 939 km lange Route führt von Reichenberg in Böhmen über Mannheim nach Gondorf an der Mosel. Nach einer Stippvisite im französischen Reims tritt Liebieg am 22. August die Rückreise von Gondorf nach Reichenberg an, wo er neun Tage später eintrifft.
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