Die Mercedes-Benz Eingelenk-Pendelachse von 1954

Stuttgart/Genf, 01.02.2004
Im März 1954 drängt sich das Publikum auf dem Genfer Automobilsalon um den Stand von Daimler-Benz. Zu bewundern ist der neue Mercedes-Benz Sechszylindertyp 220a (W 180), der unverkennbar zur Familie der Ponton-Mercedes gehört, deren erster Vertreter ein Jahr zuvor der Typ 180 war.
Der 220a weist gegenüber dem 180 einen um 17 Zentimeter längeren Radstand aus, was seinen Proportionen sehr gut zu Gesicht steht, besonders der Frontpartie und dem Fahrgastabteil. Aber seinen Schöpfern ging es nicht nur um gute Proportionen. Es ging ihnen bei dieser neuen Oberklasse-Limousine neben angemessenen Fahrleistungen auch um mehr Fahrkomfort und – das war ein neuer Aspekt – um mehr Fahrsicherheit. Die Fachwelt interessiert daher vor allem, was sich unter dem Blech verbirgt – und entdeckt eine neue Hinterachse, welche die im Mercedes-Benz Typ 170 von 1931 eingeführte und in vielen folgenden Mercedes-Benz Modellen verwendete Zweigelenk-Pendelachse ablöst.
Die leichte Eingelenk-Pendelachse ist eine fast elegant zu nennende Neukonstruktion. Ihr hervorstechendes Merkmal ist ein einziger gemeinsamer und daher auch tief liegender Drehpunkt der beiden Achshälften. Die dadurch gegebenen größeren Längen der Halbachsen wirken sich an den Rädern durch deutlich geringere Sturz- und Spuränderungen beim Ein- und Ausfedern aus, zumal die Räder in unbelastetem Zustand des Wagens – oder, wie es in Technikdeutsch heißt, in Konstruktionslage – einen leichten Negativsturz aufweisen.
Dem der Fahrsicherheit abträglichen „ Einknicken“ der Hinterräder bei starker Entlastung in Richtung positiven Sturz und einem daraus resultierendem erhöhten Kippmoment wird so entgegengewirkt. Geführt werden die Achshälften durch Schubstreben. Der Federung und Dämpfung dienen Schraubenfedern in Verbindung mit hydraulischen Stoßdämpfern.
Diese insgesamt sehr positiven Eigenschaften der Eingelenk-Pendelachse führen in Verbindung mit dem vom Typ 180 übernommenen vorderen Fahrschemel zu einem höchst angenehmen Fahrkomfort und einer deutlich gesteigerten Fahrsicherheit.
Ab 1955 erhalten dann die bereits in Serie gebauten und natürlich alle neuen Mercedes-Benz Pkw-Modelle die Eingelenk-Pendelachse. In teureren Modellen wird sie ergänzt durch eine zusätzliche, waagerecht liegende Ausgleichs-Schrau-benfeder, Luftkammer-Federbälge anstelle der Schraubenfedern, einen hydropneumatischen Niveau-Ausgleich und einen Drehstab-Stabilisator.
Sie erfährt 1954/55 ihre sportliche Feuertaufe in den Silberpfeilen der Formel-1 und der 300 SLR-Rennsportwagen. Im Programm der „Mittleren Mercedes-Klasse“ hat sie bis Ende 1967 Bestand; in der S-Klasse bis 1972 und im Großen Mercedes, dem Typ 600, sogar bis 1981.
Ihre Nachfolgerin heißt in den berühmten „ Strich-Acht“-Modellen im Sprachgebrauch von Mercedes-Benz „ Diagonal-Pendelachse“, bestückt mit Gummi-Zusatzfedern und Drehstab-Stabilisator. Journalisten nennen sie einfacher „ Schräglenkerachse“.
Heute prägt die bewährte Mercedes-Benz Raumlenker-Hinterachse das Geschehen unter dem Blech. Diese verfügt über mehrere elastisch gelagerte, voneinander unabhängige Lenker, die das Rad in seinen räumlichen Bewegungsrichtungen einschränken. Durch diese Konstruktion bleibt dem Rad nur eine Bewegungsfreiheit erhalten: das kontrollierte Ein- und Ausfedern.

Medien

Zurück

  • 1998DIG58
    Titelseite eines Prospektes des Mercedes-Benz 220a.
  • 62479
    Mercedes-Benz 220a auf dem Genfer Automobilsalon 1954.
  • 61503
    Mercedes-Benz 220a
  • 65260
    Eingelenk-Pendelachse
  • 68840
    Mercedes-Benz 220 „Ponton“ (W 180) aus dem Jahr 1954.
  • U16051
    Zeichnung der Eingelenk-Pendelachse.
  • 91484
    Basis komfortablen Fahrens: Die Eingelenk-Pendelachse hat 1954 im Mercedes-Benz 220 (W 180) ihren ersten Serieneinsatz.
Lade...