Vanderbilt: im Mercedes Simplex in drei Tagen von Paris nach Nizza

Stuttgart, 14.01.2002
Am 14. März 1902 wurde der fünfte Mercedes Simplex 40 PS von der DMG in Cannstatt an den amerikanischen Milliardär und Autoliebhaber William K. Vanderbilt Jr. übergeben. Dieser begab sich ohne Umschweife mit seinem neuen Wagen auf die 600 Kilometer lange Reise nach Paris, wo er am Abend des nächsten Tages eintraf.
Im weiteren Verlauf des Jahres stellte er auf der Straße zwischen Ablis und Chartres einen neuen Geschwindigkeitsrekord über einen Kilometer mit fliegendem Start auf, sein Mercedes Simplex erreichte eine Geschwindigkeit von 111,8 Kilometer pro Stunde. Für Vanderbilt Jr. war die Teilnahme an – den seinerzeit sehr beliebten – Langstreckenrennen und zahlreichen Rekordfahrten in Europa und Amerika ein sportliches Freizeitvergnügen. Darüber hinaus festigten seine Erfolge den legendären Ruf des Mercedes – und seines Fahrers – und bescherten der DMG eine wachsende Zahl prominenter Kunden.
Der Mercedes Simplex 40 PS von William K. Vanderbilt Jr. aus dem Jahr 1902 ist nach heutigem Erkenntnisstand der älteste noch existierende Mercedes und eines der wenigen Fahrzeuge dieser Baureihe, die heute noch erhalten sind. Sein Lebenslauf ist lückenlos dokumentiert. Das Fahrzeug gehört heute zur Sammlung des Mercedes-Benz Museums.Es folgt der Bericht, den William K. Vanderbilt Jr. wenige Tage nach seiner Ankunft über seine Fahrt von Paris nach Nizza verfasste.
18. März 1902
Um sechs Uhr früh machten D. W. Bishop und ich uns auf den Weg nach Nizza. Unser Reisegefährt war ein 40-PS-Mercedes mit Rennkarosserie. Wir hatten eine Route gewählt, die uns durch die Städte Fontainebleau, Montargis, Cosne, Nevers und Moulins führen sollte. Im letztgenannten Ort übernachteten wir am Ende des ersten Tages im Grand Hotel de Paris.
Im Laufe des Tages hatten wir die folgenden Strecken zurückgelegt:Paris - Fontainebleau60 KilometerFontainebleau - Cosne127 KilometerCosne - Moulins110 KilometerGesamtstrecke297 Kilometer
19. März 1902
Wir brachen früh auf, weil wir eine lange Etappe vor uns hatten. In Roanne machten wir eine halbe Stunde Frühstückspause, tranken Kaffee und aßen ein paar Eier. Weiter führte uns der Weg nach Lyon, wo wir ein frühes Mittagessen zu uns nahmen. Die Straße von Roanne nach Lyon führte durch bergiges Gelände; dort überraschte uns ein Schneesturm, der die Fahrt höchst unangenehm machte. Trotzdem erreichten wir Lyon ohne Zwischenfälle.
Zurückgelegte Strecken:Moulins - Roanne100 Kilometer Roanne - Lyon90 Kilometer Gesamtstrecke190 Kilometer
Nach kurzer Rast setzten wir unsere Fahrt von Lyon in Richtung Valence fort. Es begann zu regnen. Wir fuhren so schnell es ging, weil wir abends in Digne sein wollten, wo wir Herrn Bishops Kammerdiener mit frischer Kleidung zu treffen hofften. Hinter Crest führte die Straße durch bergiges Gelände, entlang eines Tals, durch das sich ein kleiner Fluss schlängelte. Zu unserem Entsetzen fanden wir die Straße schmal und – aufgrund der Schneemengen – in schlechtem Zustand vor; Reparaturen waren während der Wintermonate nicht möglich gewesen.
Wir verfluchten unser Pech, zumal der Regen inzwischen in Schnee übergegangen war und wir noch einen Pass und weitere 100 Kilometer Straße vor uns hatten. Aber der Schaden war rasch behoben, und nach einer halben Stunde waren wir wieder unterwegs.
In Luc-en-Diois, einem kleinen Dorf mit gerade mal einem halben Dutzend Häusern, hielt ich an, um zu fragen, ob wir auf der richtigen Straße seien – ich hatte keine Lust, mich im Schneesturm in den Alpen zu verirren. Während ich mich erkundigte, kam ein Polizist aus einem gegenüber liegenden Haus heraus und nahm mich fest, weil wir angeblich die 18 Kilometer hinter uns liegende Stadt Die in einem Wahnsinnstempo durchquert hatten.
Er führte uns in einen kleinen Raum des Hauses und zeigte uns dort ein Telegramm, das er von den Beamten in Die bekommen hatte; darin hieß es, ein blaues Automobil mit einem Reserverad am Heck sei anzuhalten. Mein Fahrzeug war gelb lackiert, aber so über und über mit Schmutz bedeckt, dass die eigentliche Farbe nicht mehr zu sehen war. Sofort wischte ich einen Teil der Karosserie sauber, um dem Polizisten zu beweisen, dass ein Fehler vorliegen müsse – unser Fahrzeug war gelb! Ich wies ihn auch darauf hin, dass an meinem Auto kein Reserverad am Heck befestigt war, dass ich aber auf der Fahrt durch Die ein anderes Automobil gesehen hatte, das blau lackiert und mit einem Reserverad am Heck ausgestattet war. Es konnte sich also nur um eine Verwechselung handeln. Bishop begann, sich schrecklich aufzuregen; er hatte bereits zahlreiche Uhren aus seinen Taschen gekramt und versuchte nun, dem Polizisten vorzurechnen, dass wir für die 18 Kilometer lange Strecke zwischen den beiden Orten eineinhalb Stunden gebraucht hatten. Es half alles nichts. Inzwischen hatten wir es mit drei Polizisten zu tun, die einstimmig beschlossen, uns über Nacht einzusperren und am Morgen zur Gerichtsverhandlung nach Die zurück zu schicken. Wieder protestierte ich und wies die Polizisten darauf hin, dass sie kein Recht hätten, uns zu verhaften. Ich konnte mich ausweisen, und so bräuchten sie nur meinen Namen aufnehmen, um mir beizeiten eine Vorladung zustellen zu können. Das war in ganz Frankreich die übliche Vorgehensweise – offensichtlich aber nicht in diesem Ort. Wir wurden angewiesen, unser Automobil in einem Schuppen auf der anderen Seite der Straße abzustellen, und selbst in einem Haus nebenan arretiert. Es wurden uns zwei Räume für Herrn Bishop und mich sowie ein dritter für unseren Mechaniker zugewiesen, und an der Tür wurde ein Mann postiert, der uns bewachen sollte. Wir waren wahnsinnig müde und hungrig und auch völlig durchnässt, weshalb wir uns sofort zurückzogen.
Ich versuchte zu schlafen, wachte aber nach kurzem Nickerchen gegen Mitternacht wieder auf, weil ich trotz all der Pelzdecken und Mäntel, derer ich habhaft werden konnte, fürchterlich fror. Ich stand auf und ging hinüber in Bishops Zimmer, der zu meiner Überraschung auf und ab ging und versuchte, sich mit größeren Mengen Cognac warm zu halten. Da Bishops Zimmer einen offenen Kamin hatte, beschlossen wir, Feuer zu machen. Zunächst einmal durchsuchten wir das ganze Haus nach Brennmaterial. Wir fanden Holzkohle, die aber trotz aller Versuche merkwürdiger Weise nicht brennen wollte. Deshalb nahmen wir die Bücher aus einem Regal, rissen die Seiten heraus und warfen diese auf die Feuerstelle. Die Bibliothek verhalf uns zu einem hell lodernden Feuer, das aber den Raum in keinster Weise zu wärmen schien. Deshalb öffneten wir das Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Diese war zwar wesentlich kälter, aber längst nicht so schrecklich feucht wie die Luft im Innern des Hauses.
Gegen drei Uhr morgens hatte ich genug. Ich sagte Bishop, dass ich rüber zum Schuppen gehen, das Automobil anlassen und dann vor der Haustür hupen würde. Er solle dann den Wachmann beiseite schubsen und in den Wagen springen, damit wir weiterfahren könnten.
Als ich mit dem Mechaniker das Haus verließ, stellte uns der Wachmann ein paar Fragen nach unserem Ansinnen. Wir sagten ihm, es sei so kalt im Haus, dass wir noch ein paar Decken aus dem Wagen holen wollten.Glücklicherweise sind diese 40-PS-Mercedes absolut geräuschlos; das Anlassen des Motors blieb deshalb unbemerkt. Wenige Minuten später waren wir bis zur Haustür vorgerollt, und ich betätigte die Hupe. Wie abgesprochen schubste Bishop den Franzosen beiseite, sprang ins Auto – und weg waren wir.
20. März 1902
Nach wenigen Kilometern wurde uns der Weg durch zahlreiche Schneeverwehungen versperrt, bei denen wir mehrere Male Anlauf nehmen mussten, bevor es uns gelang, hindurch zu pflügen. Wir brauchten mehrere Stunden, um die gut zehn Kilometer zur Passhöhe zurückzulegen, erreichten diese aber schließlich heil und unversehrt und konnten auf der anderen Seite, einem schneeärmeren Südhang, unsere Fahrt ins Tal problemlos fortsetzen.
Um sechs Uhr morgens erreichten wir Serres, 137 Kilometer von Valence entfernt; hier bekamen wir zum ersten Mal seit unserer Flucht aus jenem Kaff etwas zu essen. Wir bestellten alle Eier, die sich in diesem Ort auftreiben ließen, und so viel heiße Schokolade, wie die alte Dame, die das Wirtshaus führte, nur machen konnte. Ich glaube, sie hielt uns für entflohene Insassen eines Irrenhauses, insbesondere nachdem wir ihr erzählt hatten, dass wir über den Pass gefahren waren – ihrer Auskunft nach hatte das in den vergangenen fünf Monaten niemand versucht, weder mit einem Automobil noch mit einem Pferdefuhrwerk.
Wir bedankten uns überschwenglich für das Frühstück und machten uns auf den Weg nach Digne. Die Straße war so holprig, dass Bishop, der nach der durchwachten Nacht eingenickt war, beinahe aus dem Auto geschleudert wurde.Um neun Uhr erreichten wir schließlich Digne, 73 Kilometer von Serres entfernt, und trafen hier den Kammerdiener mit unserer Kleidung.
Die Stadt liegt in einem von hohen Bergen umsäumten Tal – das Panorama ist gewaltig, die Stadt selbst aber wenig attraktiv.
Wir waren jetzt noch 174 Kilometer von Nizza entfernt. Wir verließen Digne um halb elf am Morgen, fuhren eine steile Bergstraße hinauf bis Mezel und setzten von dort unsere Fahrt auf einer höchst langweiligen Straße nach St. André fort. Schließlich erreichten wir Puget Théniers, 70 Kilometer von Nizza entfernt. Die Straße nach Puget Théniers ist außerordentlich malerisch, insbesondere die ersten 40 Kilometer, die durch eine Schlucht führen.Um ein Uhr nachmittags erreichten wir Nizza, um halb zwei waren wir in Monte Carlo.
Paris - Fontainebleau60 Kilometer Fontainebleau - Montargis53 Kilometer Montargis - Cosne74 Kilometer Cosne - Nevers54 Kilometer Nevers - Moulins56 Kilometer Moulins - Roanne100 Kilometer Roanne - Lyon90 Kilometer Lyon - Valence99 Kilometer Valence - Die 66 Kilometer Die - Luc-en-Diois18 Kilometer Luc-en-Diois - Serres 53 Kilometer Serres - Sisteron 33 Kilometer Sisteron -Digne 40 Kilometer Digne - Nizza 174 Kilometer Gesamtstrecke970 Kilometer

Medien

Zurück
  • 443716_734961_3317_2520_401624vanderbilt
    Siegertypen: Mr. William K. Vanderbilt Jr. am Steuer seines Mercedes-Simplex 40 PS. Ein Helfer startet den Mercedes mit der Andrehkurbel.
Lade...