Pressemappe: Brooklands – eine ruhmreiche Rennstrecke
Stuttgart
,
08.10.2009
Die weiteren Jahre
Der desaströse Eröffnungstag hält den Aufstieg von Brooklands zu vollem Ruhm nicht auf. Immer wieder finden Rennveranstaltungen statt, die immense Zuschauerzahlen anziehen. Rekorde werden unter großem Jubel gesetzt, um wenig später von noch besseren Zeiten übertroffen zu werden. Brooklands sieht zahllose Marken, Autos und Fahrer und verankert sich als sehr wichtige Rennstrecke auf der europäischen Landkarte, die Teilnehmer nicht nur aus Großbritannien anzieht.
Für Wagen wie den berühmten Benz 200 PS („Blitzen-Benz“) ist Brooklands wie gemacht: Nur auf solchen Strecken kann zunächst das Potential ausgenutzt werden. Werksfahrer Victor Hémery präsentiert den Wagen am 8. November 1909 in Brooklands und stellt einen neuen Landgeschwindigkeitsrekord auf. Mit fliegendem Start erreicht er über eine halbe Meile eine Durchschnittsgeschwindigkeit von
205,666 km/h, durchbricht damit erstmals in Europa die magische Marke von 200 km/h und zeigt vor allem, dass das Fahrzeug das kann, wozu es auf die Räder gestellt wurde. Ein Rekordwagen ist geboren. Er erreicht noch weitere Bestwerte, so den Kilometer mit stehendem Start in 31,326 Sekunden und die Meile mit
41,268 Sekunden, womit die bestehenden, bis dahin von Darracq gehaltenen Rekorde eingestellt werden.
L. G. „Cupid“ Hornsted übertrifft am 22. Dezember 1913 in Brooklands den Rekord von Hémery und setzt mit 118,4 km/h einen neuen Bestwert über den stehenden Kilometer. Am 14. Januar 1914 stellt er sieben neue Rekorde auf. Das höchste Mittel aus Hin- und Rückfahrt erzielt er dabei über eine halbe Meile mit fliegendem Start. Hierbei erreicht der Wagen 199,3 km/h. Noch eine Woche zuvor musste er sein ganzes fahrerisches Können unter Beweis stellen, als ihm bei etwa 190 km/h ein Reifen platzt; erst nach einigen Drehern bekommt er den Benz 200 PS wieder unter Kontrolle. Diese Beispiele illustrieren gleichzeitig die Bedeutung der britischen Rennstrecke: Wer richtig schnell fahren und Grenzen verschieben möchte, muss nach Brooklands kommen.
Am 24. Juni 1914 tritt Hornsted erneut an, mit Erfolg: Der Weltrekord für eine Meile mit fliegendem Start steht nun bei 199,71 km/h (124,10 Meilen pro Stunde), und seine Höchstgeschwindigkeit von 206,25 km/h (128,16 Meilen pro Stunde) stellt nicht nur einen neuen Klassenrekord dar, sondern ist auch die bis dato höchste Geschwindigkeit, die in Brooklands gemessen wird. Man könnte sagen, dass diese Rekorde noch gerade rechtzeitig gesetzt wurden – denn der Erste Weltkrieg bereitet allem Renntreiben erst einmal ein Ende. Während der Kriegsjahre dient Brooklands der Luftfahrt.
Der Neustart nach dem Ersten Weltkrieg
Nach dem Krieg wird es einige Jahre dauern, bis Brooklands wieder voll genutzt werden kann. Nicht nur haben die Kriegsaktivitäten ihre Schäden auf der Fahrbahn hinterlassen, auch die Treibstoffrationierung dauert zunächst an. Das erste Rennen nach dem Krieg findet 1920 statt. Autos gibt es genug: Die meisten verbrachten die Kriegsjahre sorgfältig konserviert.
Zu einiger Berühmtheit gelangt 1921 ein besonderes Fahrzeug: Graf Louis Vorow Zborowski bringt seinen „Chitty Chitty Bang Bang“ nach Brooklands. Auf ein Vorkriegs-Chassis von Mercedes lässt er einen Maybach-Flugmotor mit rund 23 Liter Hubraum montieren, der ungefähr 221 kW entwickelt. Der Auspuff besteht im Wesentlichen aus einem armdicken Rohr, und man kann das Getöse des Autos nur erahnen, wenn es über die Betonbahn gescheucht wird. Chitty I, wie es auch heißt, erfährt noch einige Änderungen, bis es 1922 mit 182,58 km/h (113,45 Meilen pro Stunde) seine schnellste Runde fährt.
Chitty I ist in Brooklands das erste Ungetüm auf Rädern mit einem Flugzeugmotor, und die nächsten Jahre sollten noch einige davon bringen. Beispielsweise den Napier-Railton mit einem Napier-Lion-Motor, der 12 Zylinder, einen Hubraum von fast 24 Litern und eine Leistung von rund 373 kW hat. Auf ihm bricht John Cobb um Ostern 1934 zunächst den Rundenrekord mit 216,79 km/h (134,71 Meilen pro Stunde), um dann mit 230,84 km/h (143,44 Meilen pro Stunde) einen Rekord zu setzen, der in Brooklands nicht mehr übertroffen wird. Der Napier-Railton in seiner Karosserie aus poliertem Aluminium kann heute im Brooklands-Museum bewundert werden.
Auch Motorräder setzen in Brooklands während aller Jahre des Bestehens ihre – hier nicht detailliert erwähnten – Erfolgs- und Rekordmarken.
Der 1937 neu geschaffene Campbell Circuit wirkt sich stark auf das Renngeschehen in Brooklands und die Fahrzeugtechnik aus. Denn auf der kurvenreichen Streckenführung zählt nicht nur der reine Vorwärtsdrang mit möglichst hohem Tempo, was die genannten immens leistungsstarken Fahrzeuge hervorbrachte. Das Kurvenfahren stellt ganz andere Anforderungen an das Auto und den Fahrer. Zum Beispiel muss das gesamte Fahrwerk anders ausgelegt werden oder auch die Lenkung, damit das Fahrzeug Kurven sicher durcheilen kann. Auch die Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse spielt dabei eine wichtige Rolle. Derartige Autos erfordern Fahrer mit hoher Geschicklichkeit und großem technischen Einfühlungsvermögen, um hohe Kurvengeschwindigkeiten zu erzielen.
Seit der Eröffnung von Brooklands tut sich auch im Umfeld der Rennstrecke einiges. Das Örtchen Weybridge wächst und wächst, so dass mittlerweile Wohnhäuser dicht am Begrenzungszaun stehen. Damit wachsen Proteste: Die Bewohner beschweren sich über den Lärm der Rennfahrzeuge. Dies mündet schließlich in eine Richtlinie aus dem Jahr 1924, dass jedes Auto auf der Strecke, ob für Rennen oder Rekorde genutzt, einen Schalldämpfer in einer vorgeschriebenen Bauart haben muss – auch Motorräder. Der eigentümlich geformte Schalldämpfer wird als „Brooklands Silencer“ berühmt.
Der Zweite Weltkrieg kündigt sich an
1938 ist die letzte volle Rennsaison von Brooklands. Denn ein Jahr später stehen die Zeichen wieder auf Weltkrieg – am 7. August 1939 findet das letzte Rennen in Brooklands statt. Dreizehn Fahrzeuge liefern sich einen spannenden Kampf, den schließlich ein Graham-Paige für sich entscheidet.
Während des Zweiten Weltkriegs dient Brooklands wiederum ausschließlich der Landesverteidigung. Die beiden Flugzeughersteller Vickers-Armstrong und Hawker sind Alleinnutzer des gesamten Geländes, um militärisches Fluggerät zu bauen. Dazu wird die vorhandene Startbahn ausgebaut. Die Aktivität ist nicht ohne Folgen für die Rennstrecke: Ein Teil des Members Banking in der Nähe der Members Bridge dient dem Bau einer Werkhalle. Auf der Zielgeraden und auf der Railway Straight entstehen Hangars. Aus dem Byfleet Banking wird für eine neue Zufahrtstraße ein Segment entfernt. Ein weiteres Stück des Byfleet Banking muss weichen, weil die startenden und landenden Flugzeuge einfach zu dicht vorbeikommen. Zur Tarnung des Members Banking werden Bäume gepflanzt. Alles in allem: Die Rennstrecke ist deutlich entstellt, ein Fahrbetrieb wie früher nicht mehr möglich. Hinzu kommen Bombenschäden während des Zweiten Weltkriegs, so dass die ehrwürdige Rennstrecke schließlich außerordentlich mitgenommen ist.
32 Jahre Renngeschichte
Dennoch ist die Hoffnung vorhanden, nach dem Ende des Weltkriegs den Rennbetrieb wieder aufzunehmen. Das jedoch geschieht nicht: Im Januar 1946 fällt der Entschluss, das Gelände für 330 000 Pfund an den Flugzeughersteller Vickers-Armstrong zu verkaufen. Ein Denkmal entsteht mit der Aufschrift „Brooklands 1907 – 1939“. Das fasst es zusammen: Brooklands steht für das erste Kapitel „Rennstrecken dieser Welt“; es umfasst 32 Jahre Renngeschichte.
Es sind nicht allein die Zeitläufe, die Brooklands das Ende bescheren. Es kündigt sich ganz unauffällig schon weit vorher an. Denn der 1937 gebaute Campbell Circuit ist, ohne es zu wollen, eindeutig der Schlusspunkt der ruhmreichen Hochgeschwindigkeits-Vergangenheit von Brooklands – und gleichzeitig damit vielleicht auch der Anfang vom Ende dieser Rennstrecke. Denn eine Hochgeschwindigkeitsstrecke und ein Kurven-Kurs sind nun einmal zwei völlig unterschiedliche Dinge, die kaum miteinander vereinbar sind – und genau das hat man mit dem Campbell Circuit versucht. Doch der Aufwand hat nicht genügt, um die Attraktivität dauerhaft in Brooklands zu halten. Man hätte die Strecke rigoros umbauen müssen. Damit aber wäre Brooklands nicht mehr Brooklands gewesen. Genau in diese Phase fällt der Zweite Weltkrieg, der schließlich dauerhaft tiefgreifende Änderungen verhindert.
Der Geist der alten Rennstrecke lebt bis heute, dafür sorgen die Vereinigungen „Friends of Brooklands“ und die „Brooklands Society“, die immer wieder Veranstaltungen ausrichten, um an die Blütejahre von Brooklands zu erinnern. Und für Leben sorgt natürlich das Brooklands Museum, das mit seinen Exponaten einen wunderbaren Einblick in die Mutter aller Rennstrecken gibt. Daimler beteiligt sich mit seinem Brand Center auf historischem Grund als Teil der dortigen Aktivitäten an diesem Treiben – und setzt eigene Akzente.
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