Die frühen Autorennen auf Mercedes sind eng mit dem Namen Ralph de Palma verbunden. So auch am 26. Februar 1914. Auf einem Mercedes Rennwagen namens „Grey Ghost“ („Grauer Geist“) bestreitet der Amerikaner italienischer Geburt das Rennen um den Vanderbilt Cup, das diesmal in Santa Monica, Kalifornien/USA stattfindet – und gewinnt es, wie bereits 1912 auf einem Mercedes 140 PS Grand-Prix-Rennwagen, nach einer spannenden Wettfahrt. Das freilich ist nach dem Start nicht absehbar.
Denn Ralph de Palma ist unter den führenden Wagen nicht zu entdecken, wie das Fachblatt „Automobile Quarterly“ berichtet. Sein Hauptkonkurrent Barney Oldfield hingegen fährt offensiv auf Gewinn und tummelt sich ganz vorn – auf Kosten seiner Reifen. Denn schon damals zählt nicht nur das fahrerische Können, sondern auch die Taktik um Treibstoff, Reifen und Boxenstopps – eine Stärke von Ralph de Palma. Er beteiligt sich nicht an der Materialschlacht, schiebt sich dabei aber stetig an das Spitzenfeld heran. Als Oldfield in der dreizehnten Runde die Box für einen Reifenwechsel anfährt, hat de Palma sich mit seinem Mercedes 37/95 PS Rennwagen auf Platz zwei vorgearbeitet. Fünf Runden später liegt er in Führung. Doch Oldfield holt mit frischen Pneus rasch auf und überholt de Palma. Alle anderen Teilnehmer sind längst zurückgefallen – dies ist ein Duell zwischen zwei Wagen.
Noch zehn Runden sind zu fahren. Die Zuschauermenge – insgesamt die enorme Zahl von 200.000 Menschen – jubelt frenetisch angesichts der großen Spannung. Es ist ein Zerrspiel: In Kurven holt de Palma auf, auf Geraden fällt er zurück. Dann sieht sein wacher Blick, dass der linke Vorderreifen an Oldfields Wagen auszufasern beginnt – und er erkennt seine Chance darin, den Konkurrenten zu einem weiteren Boxenstopp zu bewegen. Oldfield verringert seine Geschwindigkeit, um die Reifen zu schonen. De Palma überholt. Und winkt deutlich seiner Boxenmannschaft, dass er in der nächsten Runde halten werde – und hofft, dass Oldfield das Signal gesehen hat und glaubt, der Konkurrent brauche Reifen, Wasser oder Öl. Doch die gut gelegte Finte erweist sich als unnötig: Im nächsten Augenblick platzt der abgefahrene Vorderreifen. Oldfield muss an die Box. Danach gelingt es ihm nicht mehr, aufzuschließen. Der graue Mercedes saust als erstes Fahrzeug über die Ziellinie, und Ralph de Palma gewinnt den Vanderbilt Cup. Gleichzeitig ist es ein Beweis für die Zuverlässigkeit des Autos, das über eine Distanz von rund 470 Kilometern auf 35 Runden eine Spitzengeschwindigkeit von 121,5 km/h erreicht.
Rückblickend kann man eins ganz sicher über Ralph de Palma sagen: Er ist ein ganz großer Rennfahrer. Denn er fährt nicht nur in den Frühtagen des Automobils so erfolgreich – seine Karriere dauert 27 Jahre. Während dieser Zeit bestreitet er 2889 Rennen, die meisten auf Sandstrecken, und gewinnt davon 2557. Er ist der einzige Fahrer, der jemals Rennen auf jeder Art von Strecke gewonnen hat: Bergrennen, Sandstreckenrennen, auf Rennstrecken aus Holz, Zement und Ziegelsteinen.
Ralph de Palma wird am 31. Dezember 1882 in Troia, Italien, als Sohn eines Friseurs geboren. Als seine Eltern mit ihm und seinen drei Brüdern nach Amerika auswandern, ist er neun Jahre alt. Der Vater gründet in Brooklyn/New York einen Friseursalon. Alle vier Söhne lernen das Handwerk bei ihm.
Bald weckt der Radrennsport das Interesse von Ralph de Palma. Im Friseurgeschäft seines Vaters und zusätzlich durch Austragen von Gemüse verdient er sich das Geld für sein erstes Rad. 1897, mit fünfzehn Jahren, fährt er in New York sein erstes Rennen. Der erste Sieg kommt zwei Jahre später auf dem Velodrom von Vailsburg/New Jersey. Sein Interesse ist so stark, dass er den Fahrradbau erlernt und in einem großen Fachgeschäft tätig ist. Als sein Chef die Vertretung für „Indian“-Motorräder übernimmt, darf der talentierte de Palma auf einer Maschine ein paar Runden drehen – und ein neues Feld der Faszination hält Einzug in sein Leben: Er fährt Motorradrennen. Das vielleicht kurioseste sei erwähnt. Er nimmt an einem Amateurrennen über 16 Meilen (rund 26 Kilometer) im Coney Island Driving Park teil, insgesamt starten sechs Teilnehmer. Einer nach dem anderen scheidet wegen Motorschaden aus – nur nicht de Palma auf der Indian. Er rollt als Sieger ins Ziel. Für dieses Rennen sind drei Preise ausgesetzt, Medaillen in Gold, Silber und Bronze. In ihrer Begeisterung, dass wenigstens ein Teilnehmer das Rennen erfolgreich beendet und so eine Blamage verhindert, verleiht ihm die Rennleitung gleich zwei Preise: Die Goldmedaille für den Sieger und, aus unerfindlichen Gründen, zudem die Bronzemedaille. Man bittet de Palma, mit seinem Motorrad noch eine möglichst schnelle Meile zurückzulegen, was er bereitwillig tut – und legt einen Geschwindigkeitsrekord hin. Die Belohnung: auch noch die Silbermedaille.
Um das Jahr 1904 verlagert er sein Interesse und seine Berufstätigkeit auf Autos. Im gleichen Jahr ist er sogar Streckenposten beim ersten Rennen um den Vanderbilt Cup – und begeistert von diesem Sport. Ein Plan setzt sich fest: einen eigenen Rennwagen zu bauen. Sein Arbeitgeber unterstützt ihn, und 1906 ist das Auto fertig, ausgestattet mit einem Vierzylinder-Motor mit 45 PS. Doch die American Automobile Association (AAA) lehnt das Fahrzeug ab – es entspreche in mehreren Punkten nicht den Rennbestimmungen. De Palma ist entschlossen, das Auto zu ändern, aber er bekommt ein gutes Kaufangebot, dem er nicht widerstehen kann.
Der New Yorker Automobilzubehörhändler Fred Moscovics hat sich das Auto angeschaut und kennt zudem das Talent von de Palma – er bietet ihm eine Stellung als Rennfahrer an. Er hat gute Kontakte zur Allen-Kingston-Autofabrik, die er de Palma gleich nach der Einstellung zeigt. Dieser erfährt dort quasi nebenbei, dass er bereits für ein Autorennen auf einem Allen-Kingston gemeldet ist – als blanker Unbekannter in diesem Geschäft. De Palma beginnt es im Rückwärtsgang. Denn mit laufendem Motor am Start stehend, rollt er unbemerkt einige Zentimeter über die Linie. Der Starter bemerkt es und gebietet de Palma, zurückzusetzen. Als dieser den Rückwärtsgang einlegt, knallt die Signalpistole. Fast unnötig zu sagen, dass de Palma in diesem Rennen nicht erfolgreich ist. Einer seiner Gegner ist übrigens der bereits erwähnte Barney Oldfield.
In den Folgejahren beweist de Palma sein Talent. 1909 beispielsweise geht er aus 34 Rennen als Sieger hervor und stellte 18 Weltrekorde auf. De Palma gehört nun zur Elite des Automobilrennsports.
Er wechselt 1908 als Rennfahrer zum Importeur der Fiat-Wagen, die bei Motorsportveranstaltungen sehr erfolgreich sind, und fährt nun den rasanten „Cyclone“, der technisch anderen Fahrzeugen weit voraus ist und dessen Vierzylinder 60 PS leistet. Schon beim ersten Rennen mit dem Cyclone siegt de Palma überlegen, das Auto ist nahezu unschlagbar. Er fährt den Fiat bis 1911. In den Jahren danach wechselt er mehrere Male das Fabrikat und fährt unter anderem für Packard, Studebaker, Chrysler und Ford.
1912 hat er den bereits erwähnten Mercedes 140 PS Grand-Prix-Rennwagen zur Verfügung, den er nicht nur beim Vanderbilt Cup einsetzt, sondern auch in beim 500-Meilen-Rennen von Indianapolis. Schon bald liegt de Palma in Führung. Es läuft prächtig: Nach 250 Meilen hat er zwei volle Runden Vorsprung, nach 450 Meilen sogar fünf Runden. Das Rennen scheint gelaufen, niemand zweifelt am Sieg de Palmas, die Zuschauer beginnen nach Hause zu gehen. In Runde 197, drei vor dem Ziel, verliert der Mercedes plötzlich an Kraft – eine Pleuelstange ist gebrochen. Mit nur noch drei arbeitenden Zylindern fährt de Palma weiter. Seine Geschwindigkeit sinkt mehr und mehr, und der Zweitplatzierte saust vorbei. Mit 15 Meilen je Stunde (24 km/h) geht de Palma in Runde 198, wobei er zeitlich immer noch in Führung liegt. Schließlich setzt der Motor aus. Doch de Palma gibt nicht auf: Zusammen mit seinem Rennmonteur beginnt er, den knapp 1,3 Tonnen schweren Wagen Richtung Ziellinie zu schieben – eine tapfere, aber für das Rennen erfolglose Geste. Das Rennen gewinnt ein anderer, doch das Publikum jubelt de Palma zu.
Ralph de Palma ist ein sehr fairer Sportsmann. Aus dem Jahr 1912 wird berichtet, nachdem sein Mercedes beim Endspurt das Auto seines Gegners streift und von der Strecke abkommt, dass er noch im Krankenhaus vor den wartenden Journalisten richtig stellt, sein Konkurrent trage an dem Unfall keine Schuld. Bei einem anderen Rennen kurbelt ein Junge ihm das Auto an, doch der Motor schlägt zurück und bricht dem Jungen den Arm. Nach Ende des Rennens – de Palma hat gewonnen – erscheint er nicht zum Siegesdiner, um den Pokal entgegen zu nehmen: Er verbringt den Abend am Bett des verletzten Jungen.
Immer wieder tritt de Palma auch in Europa zu Rennen an, so etwa 1912 und 1914 beim Großen Preis von Frankreich. Bei zweiter Gelegenheit fährt de Palma einen englischen Vauxhall – die ersten drei Plätze jedoch belegt ein Trio von Mercedes 115 PS Grand-Prix Rennwagen. Zwei dieser Rennwagen beschlagnahmen die französischen Behörden, bevor sie das Land verlassen. De Palma spricht in Untertürkheim bei Paul Daimler vor: Ob er den dritten Mercedes nicht kaufen könne? Ja, stimmt dieser zu, für 6000 Dollar einschließlich Ersatzteile. De Palma ist glücklich und beobachtet während der folgenden Tage, wie das Auto instand gesetzt wird. Am 25. Juli 1914 ruft ihn Daimler in sein Büro und drängt ihn, sofort die Koffer zu packen, die Wagenpapiere und eine Straßenkarte Richtung Antwerpen liegen schon bereit. Von dort kann das Auto auf dem deutschen Frachter „Vaterland“ nach Amerika verschifft werden. De Palma selbst bucht sich in Le Havre auf dem Dampfer „Olympic“ ein – und erhält wenige Tage später auf See die Nachricht, dass in Europa der Erste Weltkrieg begonnen hat. Offiziell wird nie geklärt, warum Daimler in jenen Tagen dabei half, einen deutschen Rennwagen außer Landes zu bringen. De Palma hat dazu seine eigene Theorie: Automobilrennen seien ein internationaler Sport, sagt er, zudem habe er die einzigen Mercedes-Siege in Amerika geholt – dies könnte eine Belohnung dafür sein.
Mit dem neuen Mercedes nimmt de Palma 1915 in Indianapolis die 500 Meilen in Angriff – und wieder bricht unter der enormen Belastung drei Runden vor dem Ziel eine Pleuelstange. Doch diesmal bleibt der Motor in Gang, und der Mercedes rollt als Sieger über die Ziellinie.
In den Folgejahren fährt er auf unterschiedlichen Fahrzeugen. 1919 gibt man ihm einen weißen Packard mit Stromlinienkarosserie und gewaltigem V12-Motor. De Palma donnert mit einer Höchstgeschwindigkeit von 149,87 Meilen je Stunde (241 km/h) über den Sand von Daytona Beach/Florida – und ist damit der schnellste Mann auf Erden.
1920 werden wieder die 500 Meilen von Indianapolis in Angriff genommen. Kurz vor dem fliegenden Start versagt ein Reifen an de Palmas Ballot, eine französische Marke. Der Pneu ist schnell gewechselt, doch de Palma liegt eine volle Runde hinter der Konkurrenz. Die folgende Fahrt ist legendär: Mit gewaltiger Geschwindigkeit donnert er über die Strecke und lässt einen Wagen nach dem anderen hinter sich. Nach 150 Meilen liegt de Palma an der Spitze. Und wieder das Pech, auf den letzten Runden vor dem Ziel: Aus dem Motorraum dringen Flammen und Rauch. De Palma verringert die Geschwindigkeit auf 80 Meilen je Stunde (rund 130 km/h). Sein Mechaniker kriecht auf die Motorhaube und erstickt das Feuer mit einem Handfeuerlöscher. Doch in der nächsten Runde entzündet sich das Aggregat erneut. Wieder klettert der tapfere Mechaniker nach vorn, doch dann bleibt das Auto stehen – de Palma vermutet einen leeren Benzintank. Der Mechaniker rennt zur Box, holt einen Kanister. Derweil hat de Palma das Auto wieder zum Laufen gebracht – Zündungsschaden. Es arbeiten nur noch vier der acht Zylinder des Ballot. Doch de Palma bringt ihn mit halber Kraft ins Ziel – als Fünfter.
Daraufhin wird Ralph de Palma von Ernest Ballot eingeladen, 1921 am Grand Prix in Le Mans teilzunehmen. Er und sein Mechaniker errechnen, dass sie über die Distanz volle sechs Minuten gewinnen können, wenn der Beifahrer die Gänge wechselt und der Fahrer sich aufs Lenken konzentriert. Sie bauen den Schalthebel in die Mitte auf das Getriebegehäuse. Ballot ist erbost, als er das sieht. Er ordnet an, dass der Schalthebel wieder zurück an die ursprüngliche Position kommt. De Palma belegt den zweiten Platz.
De Palma fährt auch auf Chrysler – 1924 gewinnt er ein Bergrennen sowie ein Rundstreckenrennen auf dieser DaimlerChrysler Marke, und auch 1925 bestreitet er mit diesem Fabrikat Rennen.
Sein letztes Indianapolis-Rennen fährt de Palma im Jahr 1925. 1929 erringt er die kanadische Meisterschaft. In späteren Jahren ist Ralph de Palma tätig für Packard, Studebaker, Chrysler, Ford, Ranger Aircraft Engines und General Petroleum Corporation. Im April 1954 wird Ralph de Palma in die „Racing Hall of Fame of the Henry Ford Museum“ in Greenfield Village, Dearborn, aufgenommen. Er stirbt am 31. März 1956 in Pasadena/Kalifornien im Alter von 73 Jahren.
Die Erfolge von Ralph de Palma auf Mercedes
1911
Vanderbilt Cup, Milwaukee: 2. Platz
Großer Preis von Amerika, Savannah: 3. Platz
1912
Indianapolis: 3. Platz
Elgin Race: 1. Platz, 2 Mal, Rundenrekord
Vanderbilt Cup, Milwaukee: 1. Platz
1914
Vanderbilt Cup, Santa Monica: 1. Platz, Geschwindigkeitsrekord
Großer Preis von Amerika: 4. Platz
Elgin National Trophy: 1. Platz, zwei Mal
Brighton Beach (September): 1. Platz, vier Mal
Trenton: 1. Platz, drei Mal
Brighton Beach (November): 1. Platz, vier Mal
1915
Vanderbilt Cup: 4. Platz
Indianapolis: 1. Platz
1916
Omaha: 1. Platz
Kansas City: 1. Platz
1928
Atlantic City: 1. Platz, zwei Mal