Mercedes-Simplex 90 PS, Camille Jenatzy und das Gordon-Bennett-Rennen 1903
Stuttgart
,
03.06.2008
Als die 1890 gegründete Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) 1901 den heute legendären ersten Mercedes 35 PS an Emil Jellinek ausliefert, denkt der Konstrukteur Wilhelm Maybach bereits an die Zukunft, und die heißt vor allem: Mehr Leistung, einfachere Bedienung und Steigerung der Zuverlässigkeit, bereits damals wesentliche Kriterien der Fahrzeuge aus dem Hause Daimler. Folglich leistet der Motor des Mercedes-Simplex von 1902 schon 40 PS (29 kW) und ist tatsächlich, wie sein Zusatzname es deutlich macht, einfacher zu bedienen.
Für das Jahr 1903 visiert Maybach eine noch wesentlich höhere Motorleistung an, denn die DMG will endlich am prestigeträchtigen Gordon-Bennett-Rennen teilnehmen. Der Imagegewinn, den das Unternehmen dank des epochalen Erfolgs des Mercedes gewonnen hatte, soll durch erstklassige Rennsiege unterstrichen werden.
Das Gordon-Bennett-Rennen
Das seinerzeit wohl renommierteste Rennen, ein Nationenrennen, ist das Gordon-Bennett-Rennen, das Ende 1899 von dem in Paris lebenden amerikanischen Verleger und Herausgeber des „New York Herald“, James Gordon-Bennett, ins Leben gerufen worden ist. Es wird einmal jährlich ausgetragen und stellt so etwas wie den Vorläufer der heutigen Grand Prix dar. Gordon-Bennett regt zudem erstmals einen einheitlichen Wertungsmodus an. So ist zum Beispiel vorgeschrieben, dass die Wagen mindestens 400, maximal aber nur 1000 Kilogramm wiegen dürfen. Die gemeldeten Wagen müssen bis zur letzten Schraube in dem Land hergestellt sein, für das sie fahren. Diese Vorschrift wird besonders streng überwacht, was unter anderen 1903 auch die Mercedes-Wagen zu spüren bekommen: Die montierten Michelin-Reifen entstammen zwar einer Lizenzfertigung in Deutschland, nicht aber die Ventile. Also muss auf Continentalreifen umgerüstet werden.
Der Austragungsmodus des Rennens entspricht weitgehend dem der traditionellen Segelregatta um den America’s-Cup. Daher hatte Gordon-Bennett dem Automobilclub de France auch den dazugehörenden Wanderpokal gestiftet. Von jeder teilnehmenden Nation können drei Fahrzeuge an den Start gehen. Immer das Land, das den Sieger gestellt hatte, darf im Folgejahr das Rennen organisieren und austragen.
Der Sieger von 1902 heißt S. F. Edge auf Napier und ist Engländer, folglich soll 1903 die Veranstaltung in England stattfinden. Da aber in England Straßenrennen verboten sind, wird sie vom Englischen Automobilclub kurzerhand nach Irland verlegt.
Der 90-PS-Bolide von Mercedes
Um bei dem Rennen vor allem gegen die starke französische Konkurrenz zu bestehen, braucht der Mercedes einen überragenden Motor, den Maybach in kürzester Zeit entwickelt, aufbauend auf dem 40-PS-Motor (29 kW) des Simplex. Es gibt ihn in zwei „Größen“ und damit in zwei Leistungsklassen: einen 9,2-Liter mit offiziell 60 PS (44 kW) bei 1100/min – der aber gute 65 PS (48 kW) bringt – und einen 12,7-Liter mit 90 PS (66 kW) bei 1200/min.
Beide Vierzylinder haben oben hängende Einlassventile, seitlich stehende Auslassventile und zwei Nockenwellen – eine Bauart, die für die nächsten Jahre für Mercedes-Motoren maßgebend ist. Zur Niederspannungs-Magnetzündung mit Unterbrecher im Brennraum gesellt sich eine Hochspannungszündung mit normalen Zündkerzen.
Eine Neuheit sind die Einlassventile, denen außer dem mechanisch durch die Nockenwelle bewegten Teil noch ein selbsttätiges „Schnüffelventil“ in einer etwas gewagten Konstruktion beigegeben ist. Diese Ventile erfordern eine höchst präzise Anpassung an den doppelt-zentrischen Ventilsitz, geben aber im Laufe ihrer Verwendung nie Anlass zur Klage. Sinn und Zweck dieser eigenwilligen Konstruktion ist das Erzielen einer möglichst guten Füllung der Zylinder.
Die Kühlleistung des beispielgebenden Bienenwabenkühlers, bewährt seit dem ersten Mercedes, wird weiter gesteigert, indem die Kühlröhrchen noch mit feinen Riefen versehen werden. Diese Riefen ergeben eine so große zusätzliche Kühlfläche, dass bei gleichbleibender Wassermenge ein wesentlich stärkerer Motor zuverlässig gekühlt werden kann.
Chassis und Fahrwerk entsprechen in ihren Abmessungen dem Simplex, nur die Spur ist etwas schmaler angelegt. Dadurch kann die Karosserie schmaler gehalten werden.
Die höchst sportlichen Karosserien fertigt in bewährter Weise die Firma Christian Auer in Cannstatt. Die Hauptsache ist die Front des neuen Wagens mit der charakteristischen Form des dachförmigen Kühler-Oberteils und der entsprechend gestalteten Aluminium-Motorhaube. Die übrige Karosserie besteht aus der Spritzwand mit den Ölschaugläsern und einer einfachen Plattform, auf der die Kübelsitze für Fahrer und Beifahrer montiert sind und auf der hinten die Reserveräder verzurrt werden.
Der Großbrand im DMG-Werk in Cannstatt
Es sind vornehmlich Privatleute, die einen Mercedes-Simplex 60 PS kaufen. Ihre Fahrzeuge stehen zur Abholung in Untertürkheim, dem im Aufbau befindlichen neuen Werk der DMG. Die drei 90-PS-Boliden für das Gordon-Bennett-Rennen harren im DMG-Werk am Seelberg in Cannstatt auf die Eisenbahn-Verladung. Doch ihre Laufbahn ist beendet, bevor sie überhaupt beginnt. Am 10. Juni 1903, morgens um halb drei Uhr, bricht in der Fabrik ein verheerender Brand aus, der die Produktionseinrichtungen samt 90 teils fertiggestellter oder noch in Arbeit befindlicher Fahrzeuge einschließlich der drei Rennfahrzeuge vernichtet.
Die Reaktion der DMG auf dieses Ereignis ist noch heute spannende Geschichte: Zum einen wird kein Arbeiter entlassen und die Fertigung provisorisch in angemieteten Werkstätten weitergeführt. Außerdem werden die Bauarbeiten am neuen Werk in Untertürkheim derart beschleunigt und im Zweischichtbetrieb vorangetrieben, dass bereits 1904, ein Jahr früher als geplant, der Umzug von Cannstatt nach Untertürkheim stattfindet. Schlußendlich kauft oder leiht die DMG für das bevorstehende Rennen am 2. Juli 2003 von Privatleuten drei der Mercedes-Simplex 60 PS, um das Rennen in Irland doch noch bestreiten zu können.
Camille Jenatzy und die Schleudertour
Die ausersehenen Mercedes werden in aller Eile für das Rennen abgeändert, nochmals gründlich durchgesehen und in der deutschen Rennfarbe weiß lackiert. Als Fahrer hatte die DMG den international bekannten und erfolgreichen belgischen Baron Pierre de Caters und den Amerikaner Foxhall Keene engagiert. Dem Belgier Camille Jenatzy vertraut die DMG den Wagen des amerikanischen Millionärs und Autoenthusiasten Clarence Clay Dinsmore an, der seinen Wagen selbstlos zur Verfügung stellt.
Für die Überführung der Wagen nach Irland per Bahn bleibt keine Zeit. Also fahren sie auf eigener Achse via Frankreich zur Rennstrecke nahe Dublin. Die Wagen kommen eineinhalb Tage vor dem Rennen wohlbehalten an.
Hatten die Rennen bis dato meist von Stadt zu Stadt geführt, so setzt das Gordon-Bennett-Rennen von 1903 einen neuen Impuls. Es sind jeweils abwechselnd zwei Rundstrecken von 65 und 83 Kilometer Länge zu durchfahren.
Camille Jenatzy, 1868 in Brüssel geboren, ist einerseits nüchterner Ingenieur, andererseits ein von der Geschwindigkeit besessener Rennfahrer. Berühmt ist er durch seinen roten Bart und die Tatsache, dass er als erster Mensch die 100-km/h-Marke durchbrochen hatte – im April 1899 auf einem Elektroauto namens La Jamais Contente („Die niemals Zufriedene“).
Jenatzy fährt an diesem 2. Juli 1903, einem kühlen und wolkigen Tag, auf den kurvenreichen und holprigen Straßen das Rennen seines Lebens. Obwohl leistungsmäßig – zumindest auf dem Papier – unterlegen, beherrscht er die Konkurrenz durch seinen unerschrockenen, spektakulären Fahrstil und die Tatsache, dass er das enorme Drehmoment seines Vierzylinders beim Herausbeschleunigen aus den Kurven geschickt zu nutzen weiß. Außerdem begünstigt ihn das relativ niedrigere Gewicht seines Mercedes im Vergleich zur gewichtigeren Konkurrenz.
Ein Teilnehmer staunt: „Die Straße wies eine Kurve nach der anderen aus, aber Jenatzy fuhr absolut Vollgas. Er schleuderte halsbrecherisch um die Ecken und verfehlte einige Begrenzungsmauern nur knapp, denn es waren überall deutliche Schleifspuren zu sehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mit dieser riskanten Fahrweise lange durchhält.
Aber er hält durch – im Gegensatz zu seinen beiden Team-Kollegen – und bringt den Mercedes mit der Startnummer 4 als ersten ins Ziel. Er gewinnt gegen die leistungsmäßig überlegene Konkurrenz dieses denkwürdige Rennen mit einem Durchschnitt von 79,24 km/h.
Es ist nicht nur ein Sieg für Jenatzy, sondern vor allem ein Sieg und damit verbunden ein erster großer internationaler Erfolg für die Marke Mercedes, die sich nun auch im Kreise der rennfahrenden Eliten wie England und Frankreich endgültig etabliert hat. Eine Position, der die Marke mit dem Stern fortan, auch nach der Fusion mit Benz zur Marke Mercedes-Benz, bis auf den heutigen Tag treu geblieben ist.
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