1909 – Benz & Cie. entwickelt einen Rekordwagen für 200 km/h
Stuttgart/Mannheim
17.03.2011
1911 – Der „Blitzen-Benz“ wird in Amerika zum schnellsten Fahrzeug der Welt
  • Aus dem Benz 200 PS Rekordwagen wird in den USA der „Blitzen-Benz“
  • Absoluter Geschwindigkeitsrekord mit 228,1 km/h
Bereits die ersten Rekordfahrten des Benz 200 PS Rekordwagens zeigen, dass das Auto alle bis dahin bekannten Grenzen verschiebt. So sind beispielsweise sämtliche europäischen Rennstrecken für die mit dem überstarken Wagen angepeilten Geschwindigkeiten nicht geeignet. Benz & Cie. weiß, dass es passende Strecken auf der anderen Seite des Atlantiks in den USA gibt, und deshalb entscheidet man sich in Mannheim, dort bei Rekordfahrten anzutreten. Dem Geschäft wird es sowieso nicht abträglich sein, wenn man in Nordamerika mit dem Rekordwagen erfolgreich ist, denn die Vereinigten Staaten sind ein wichtiger Markt.
So wird der neu karossierte Wagen nach einigen Probefahrten rund um Mannheim im Januar 1910 nach Amerika verschifft. Geplant ist, dass George Robertson mit dem Auto gegen Ralph de Palma antritt, der auf vielen amerikanischen Rennstrecken Rekorde hält. Doch es soll anders kommen: Der Veranstaltungsmanager Ernie Moross erfährt von der Ankunft des Fahrzeugs beim Benz-Importeur Jesse Froehlich in New York und handelt mit ihm ein Tauschgeschäft aus: Er gibt seinen Benz 150 PS Grand-Prix-Wagen in Zahlung, legt noch 6.000 Dollar darauf und wird Besitzer des Rekordwagens.
Dem geschickten Geschäftsmann Moross fällt auch gleich ein werbewirksamer Name ein: Weil das Auto schnell wie der Blitz (Englisch: Lightning) zu sein scheint, nennt er ihn „Lightning Benz“. Dieser Name wird auch auflackiert. Sein Fahrer Barney Oldfield tritt ohne spezielle Vorbereitung am 16. und 17. März 1910 am Strand von Daytona in Florida zur Rekordjagd an. Überliefert ist eine neue Spitzenmarke von 211,4 km/h. Damit ist der Dampfwagen-Rekord von Marriott eigentlich gebrochen. Doch die A.I.A.C.R. (Association Internationale des Automobile Clubs Reconnus), das höchste Aufsichtsgremium des Automobilsports und Vorläuferorganisation der heutigen Fédération Internationale de l’Automobile (FIA), erkennt den Rekord nicht an, weil der Benz nicht – wie in den Wettbewerbsbestimmungen festgelegt – die Distanz auch in Gegenrichtung durchfährt und das Mittel aus beiden Läufen den gültigen Wert ergibt.
Danach organisiert Moross in einer Art Wanderzirkus zahlreiche Showveranstaltungen mit dem „Lightning Benz“. Doch der Name ist ihm schon bald nicht mehr markant genug und er ändert ihn um in „Blitzen-Benz“ – vermutlich, weil das den Auftritt des Autos deutscher Provenienz noch verstärkt. Zusätzlich wird auf die rechte Seite der Motorhaube ein kleiner Reichsadler lackiert. Ende des Jahres 1910 schließt die American Automobile Association (AAA) Barney Oldfield von sämtlichen Rennaktivitäten aus. Bei seinen letzten Fahrten hat er den „Blitzen-Benz“ so sehr ramponiert, dass Moross ihn wieder instand setzen lassen muss. Für die nächste Saison verpflichtet er den früheren Buick-Werksfahrer Bob Burman – zum großen Ärger von Oldfield, der weiß, dass der Wagen noch Geschwindigkeitsreserven hat.
Burman tritt am 23. April 1911 in Daytona Beach an, der breite und lange Strand eignet sich wunderbar für schnelle Fahrten. Er nutzt das volle Potenzial des Fahrzeugs und erzielt auf der Meile mit fliegendem Start eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 228,1 km/h, auf dem „fliegenden“ Kilometer sind es 226,7 km/h. Das ist ein neuer absoluter Landgeschwindigkeitsrekord, den bis 1919 kein anderes Fahrzeug übertreffen wird. Erst Ralph de Palma erzielt am 12. Februar 1919 in Daytona Beach auf einem Packard einen neuen Weltrekord über die „fliegende“ Meile mit 241,2 km/h (149,875 mph).
Der Benz 200 PS Rekordwagen ist 1911 nicht nur schneller als alle anderen Automobile und Lokomotiven (der Schienenfahrzeug-Rekord von 1903 liegt bei 210 km/h), sondern sogar doppelt so schnell wie ein Flugzeug der damaligen Zeit. Für den Rest der Saison tritt der „Blitzen-Benz“ mit neuer „Kriegsbemalung“ auf: Ihm sind jetzt ein riesiger Reichsadler und breite Zierlinien aufgemalt worden. Zudem hat man einen Tachometer montiert, dessen Übertragungswelle außen am Fahrzeug vorbei zum rechten Vorderrad führt.
Der „Blitzen-Benz“ tourt durch die USA und ist eine Attraktion auf vier Rädern. Doch eine Änderung des Reglements im Jahr 1913 beendet das Engagement: Die Hubraumgröße wird auf 7,4 Liter begrenzt. Der legendäre „Blitzen-Benz“ geht in den Besitz von Stoughton Fletcher über, der ihn von Burman im Verlauf des Jahres 1914 umbauen lässt. Im Oktober 1915 verkauft Fletcher den Wagen an Harry Harkness.
Am 2. November 1915 taucht das Fahrzeug wieder in der Öffentlichkeit auf: Als „Burman Special“ steht er am Start in der Sheepshead Bay, New York/USA, um gegen Ralph de Palma auf Sunbeam zu einem Vergleichsrennen anzutreten. Freilich ist der Rekordwagen kaum wiederzuerkennen, unter anderem hat er andere Drahtspeichenräder mit einer engeren Speichenfolge, Scherendämpfer statt Federband-Stoßdämpfern, versetzte Sitze, eine Auswölbung des Cockpits als Windabweiser und ein wesentlich längeres und runderes Heck, das nach hinten unten geneigt ist.
1916 verunglückt Burman tödlich in einem Peugeot. Danach kommt der „Blitzen-Benz“ wieder nach England zurück. Hier taucht er Ostern 1922 in Brooklands auf, ist weiß lackiert, hat eine geänderte Motorabdeckung und einen neuen Kühler. Fahrer ist Graf Louis Vorow Zborowski, doch er rollt mit dem „Blitzen-Benz“ zu keinen wahren Erfolgen. 1923 zerlegt er das Auto, um Antriebsteile für ein eigenes neues Projekt zu verwenden, den Higham Special.
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