Pressemappe: Mercedes-Benz Bus-Historie
Stuttgart
30.10.2008
Der letzte Alleskönner unter den Bussen: O 302
  • Ein Quader mit üppiger Verglasung
  • Enorme Vielfalt an Varianten
  • Export bis in die USA
Greift in den 60er-Jahren die Spezialisierung unter den Lkw stärker denn je um sich, so versucht sich der 1965 gebrachte neue Bus O 302 noch einmal – und äußerst erfolgreich - als Generalist klassischer Prägung. „Einer für alle“ – dieses Motto beschreibt den Mercedes-Benz O 302 am besten. Stadtlinienbus, Überlandwagen, Reisebus – dieser Omnibus, ist ein echter Alleskönner, der letzte seiner Art, bevor die Spezialisierung auch den Omnibus nicht mehr verschont.
Der O 302 löst im Jahr 1965 den beliebten O 321 H ab – der Sprung könnte kaum größer sein. Die Vorgabe für den neuen O 302 ist gewaltig: Mit 18 000 Exemplaren in 13 Jahren ist der O 321 H ein echter Welterfolg gewesen. Ist aber der Vorgänger mit seinen vielen Rundungen, dem ovalem Grill mit runden Lampen und seinen vergleichsweise kleinen Fenstern optisch den fünfziger Jahren verhaftet und zum Ende seiner Karriere ein wenig aus der Mode gekommen, so prägt den O 302 der klare automobile Bauhausstil der 60er-Jahre. Zwar ist das Dach gewölbt und der Rücken gerundet, doch dies ändert nur wenig an der Grundform dieses Quaders mit steil stehender Stirn und üppiger Verglasung, mit schlanken Fenstersäulen, langen Seitenfenstern und einer großen Heckscheibe.
Ein typisches Kind der Wirtschaftswunderzeit
Typischer Zierrat der sechziger Jahre sind zum Beispiel die chromblinkenden Rähmchen an allen Fenstereinfassungen. Klarer Fall: Der O 302 entspringt der Zeit des Wirtschaftswunders – man ist wieder wer, man will sehen und gesehen werden.
Einzig die dicken Scheuer- und Schmuckleisten des O 302 erinnern noch an die fünfziger Jahre. Vorne zum Beispiel greift ein blankes Band um den Bug herum und verbindet ihn mit den Seitenwänden. Im unteren Bereich der Flanken verbindet bei vielen O 302 entweder eine breite Leiste oder ein Farbstreifen entlang der Seite die vorderen und hinteren Stoßfänger, was dem Bus ein geschlossenes Erscheinungsbild verleiht.
Ansonsten aber führt der O 302 mit seinen kühlen und klaren Linien die Formen fort, die der Mercedes-Benz O 317 im Jahr 1958 begründet hat, allerdings noch mit kleinen Seitenfenstern. Guckt der O 317 jedoch mit seinem gewölbten Grill ein wenig grimmig, so schaut der O 302 mit seinem waagerechten Grill und großen rechteckigen Scheinwerfern schon deutlich konzilianter in die Welt.
Nur noch ein schmaler Steg teilt die Windschutzscheibe
Den O 302 gibt es wahlweise entweder mit planen Seitenscheiben oder mit gewölbten Fenstern, die oben ins Dach hinein reichen und den Bus in einen klassischen Aussichtswagen verwandeln. Die hintere Tür wird der Seitenkontur in diesem Fall oben durch ein Füllfenster angepasst. Diese Panoramaverglasung wird für einen großen Teil der Reisebusse gewählt, ist aber auch für die Linienwagen zu bekommen, die sich durch Zielschildkästen auszeichnen. Anfangs ist als Ergänzung der planen Seitenfenster auch eine Dachrandverglasung zu bekommen. Das Fahrerhaus ist optisch ein wenig vom Fahrgastraum abgesetzt: Die Unterkante von Windschutzscheibe und den Türfenster vorn liegen auf einer Linie, deutlich unterhalb der Fensterbrüstung des Fahrgastraums. Bei den Varianten mit hohen und gewölbten Seitenfenstern ist das Dach im Bereich des Fahrgastraums etwas erhöht. Die Windschutzscheibe wird nur noch durch einen schmalen Steg geteilt.
Sonst aber kennzeichnet den drei Meter hohen Hochbodenwagen eine enorme Vielfalt: vier Radstände und damit Längen von 9,6 bis 11,9 Meter (die längste Variante wird 1967 nachgereicht), Ausstattungs- und Bestuhlungsvarianten vom nüchternen Stadtlinienbus bis zum gehobenen Reisewagen, Schlagtüren vorne und hinten für den Reisebus, entsprechende zweiflügelige Außenfalttüren für den Überlandwagen, doppeltbreite Innenfalttüren vorne und in der Mitte für Stadtlinienbusse – der O 302 schöpft alle Möglichkeiten aus, die sein Aufbau bietet.
Prägt den O 317 ein liegend angeordneter Unterflurmotor zwischen den Achsen, so besinnt sich der O 302 auf die Vorzüge des Heckmotors analog zum O 321 H. Zusammen mit dem O 302 halten 1965 Direkteinspritz-Dieselmotoren in die Omnibusse mit Stern Einzug, zwei Jahre später als bei den Lkw. Bis dahin hatte Mercedes-Benz auf die weicher laufenden Vorkammermotoren gesetzt, die jedoch deutlich mehr Kraftstoff benötigten.
230 PS gibt es auf Wunsch
Zunächst muss serienmäßig der kompakte Reihensechszylinder OM 352 mit 5,7 Liter Hubraum 126 PS in Verbindung mit einem Fünfganggetriebe genügen. Der Zwölfreiher erhält den OM 327 mit acht Litern Hubraum und 150, bald 160 PS. Dieses stärkere Triebwerk steht auf Wunsch auch für die kleineren Ausgaben des O 302 zur Verfügung. Dem Zwölf-Meter-Bus spendiert Mercedes-Benz auf Wunsch den großen OM 355 mit 11,6 Liter Hubraum und 230 PS – speziell für die Reisebusse eine sehr angemessene Motorisierung. Ab 1969 legen alle Motoren in der Leistung zu.
Zu Beginn verfügt das Fahrwerk der drei kompakten Varianten des O 302 serienmäßig vorn über Schrauben- und hinten über Trapez-Blattfedern. Beim großen 13-Reiher sowie auch bei den Stadtbussen zählt dagegen von beginn an eine Vollluftfederung zum Standard, die bei den anderen Ausgaben des O 302 ab 1971 in die Serie einfließt.
Erstmals in einem Mercedes-Benz Reisebus gibt es beim O 302 eine individuelle Düsenbelüftung für jeden Fahrgastplatz. Die Frischluft wird vorne über der Frontscheibe angesaugt. Eine weitere Premiere: Erstmals kommt wahlweise eine Klimaanlage zum Einsatz; sie befindet sich in einem Kasten über dem Heck. Und falls es ohne Klimaanlage zu warm werden sollte, können sich die Fahrgäste durch Fensterrollos vor den Sonnenstrahlen schützen. Im Bereich des noch recht kargen Fahrerplatzes kann man mit bestem Gewissen von einem Armaturen-Brett sprechen: Es läuft kerzengerade von links nach rechts. Nur die Einheit mit den Instrumenten, bestehend aus Tachometer, Drehzahlmesser und Kombiinstrument, ist ein wenig zum Fahrer hin geneigt.
An markanten Gestalten herrscht in der großen Familie des O 302 kein Mangel. So exportiert Daimler-Benz in dieser Ära auch Omnibusse in die USA. Diese Varianten erhalten die US-typische, markante Nirosta-Seitenbeplanung, auf Wunsch werden auch europäische O 302 damit ausgestattet. Im Herbst seiner Karriere erlebt der
O 302 sogar einen echten Höhepunkt: Während der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland fahren alle Teams in einem O 302 vor, lackiert in den jeweiligen Landesfarben.
Der erste Hybridbus der Welt
Auch technisch gibt es in der Ära des O 302 manch echten Leckerbissen: 1969 steht auf der IAA mit dem OE 302 der erste Hybridbus der Welt. Das "E" in der Typenbezeichnung deutet auf den zusätzlichen Elektroantrieb hin. Der Hochbodenbus O 302 bietet gute Voraussetzungen für den Hybridantrieb, denn unter dem Fußboden ist genug Platz für eine zweite Antriebstechnik mitsamt Batterien. Der Gleichstrom-Fahrmotor erreicht eine Dauerleistung von 115 kW (156 PS) und eine Spitzenleistung von 150 kW (205 PS), für einen Stadtbus in diesen Jahren eine üppige Motorisierung.
Gespeist wird der Fahrmotor von fünf Batterieblöcken mit 189 Zellen, einer Gesamtbetriebsspannung von 380 Volt und einer Kapazität von 91 kWh. Eine Höchstgeschwindigkeit von 70 k/h und eine Reichweite im Linienbetrieb von etwa 55 Kilometer beschreiben die Grenzen, ebenso das Batteriegewicht von 3,5 Tonnen. Für den Zweischichtbetrieb mit einem ganzen Tag im Linieneinsatz erhält der OE 302 einen Transporter-Dieselmotor mit 48 kW (65 PS) Leistung. Dieses Aggregat, quer im Heck eingebaut, wird in Stadtrandgebieten zugeschaltet und läuft mit konstanter Drehzahl im optimalen Kennfeldbereich. Eine elektrische Bremse dient der Energie-Rückgewinnung.
In elf Jahren mehr als 32.000 Einheiten gebaut
Der vielseitige Mercedes-Benz O 302 feiert zahlreiche Erfolge, auch als Fahrgestell: Viele bekannte Karossiers wie Ernst Auwärter, Drögmöller oder Vetter setzen schmucke Aufbauten auf den O 302. Ebenso erfolgreich ist der O 302 dank seiner zahlreichen Varianten im Export – er ist eben einer für alle. Das macht sich auch in den Stückzahlen bemerkbar: Daimler-Benz baut in elf Jahren mehr als 32 000 Fahrzeuge, Fahrgestelle (damals noch etwas mehr als 50 Prozent der Fertigung) und Komplettbusse zusammengerechnet. Das bedeutet Weltrekord. Zwar erreicht der Nachfolger O 303 noch einmal höhere Gesamtstückzahlen, – doch in längerer Zeit.
Klarer Rekordhalter in der Jahresproduktion bleibt dagegen auf unabsehbare Zeit der O 302. Die Spezialisierung von Omnibussen erlaubt in späteren Jahren nie mehr vergleichbare Stückzahlen.
 
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René
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