Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse
Stuttgart
10.01.2012
Die „Pagode“ fährt vor: Mercedes-Benz SL der Baureihe W 113 (1963-1971)
  • Ein komfortabler zweisitziger Reisewagen mit hohen Fahrleistungen und optimaler Fahrsicherheit
  • Seine charakteristische Dachform gibt ihm den Spitznamen
  • Erster SL mit Sicherheitskarosserie nach Béla Barényi
Der Genfer Automobil-Salon im März 1963 ist Schauplatz einer bemerkenswerten und vielbeachteten Premiere: Daimler-Benz präsentiert den Mercedes-Benz 230 SL und damit einen neuen Sportwagen, der gleich zwei Modelle des bisherigen Verkaufsprogramms ersetzen soll. Seine beiden Vorgänger 190 SL (W 121) und 300 SL (W 198) sind von Anfang an höchst beliebt und erfolgreich, insbesondere der Typ 300 SL wird bereits während seiner Bauzeit eine Legende.
Das neue Modell schlägt einen Mittelweg zwischen den Konzepten des 190 SL und des 300 SL ein: Der Typ 230 SL, intern als Baureihe W 113 bezeichnet, hält die Balance zwischen der sportlichen Abstimmung eines klassischen Roadsters und bringt doch alle Annehmlichkeiten des komfortablen, zweisitzigen Reisewagens für hohe Fahrleistungen mit sich – inklusive modernster Merkmale für optimale Fahrsicherheit.
Lieferbar ist der 230 SL vom Sommer 1963 an in drei Ausführungen:als offener Roadster mit einem spielerisch leicht zu bedienenden Faltverdeck – eine kleine Sensation für sich –, als offene Version mit Hardtop und schließlich als Hardtop-Coupé. Dem Hardtop-Coupé fehlen Verdeck und Verdeckkasten, dafür gibt es mehr Platz für Gepäck. Alle drei Versionen lassen sich offen fahren. Auf Wunsch ist ein Quersitz im Fond erhältlich, wie er bereits beim Typ 190 SL angeboten worden ist.
Das Äußere des Typ 230 SL ist geprägt durch klare und gerade Linien sowie durch das unverkennbare SL-Gesicht samt dem großen zentralen Mercedes-Stern. Die Motorhaube hat in der Mitte eine leichte zusätzliche Wölbung, die dem aufrecht stehenden Sechszylindermotor Raum bietet. Sein Kofferraum ist großzügig bemessen. Das Hardtop vermittelt durch seine hohen Scheiben und das nur von schmalen Säulen getragene Dach eine Leichtigkeit, die so gar nicht dem Klischee eines Sportwagens entspricht. Es erinnert durch seinen nach innen gerichteten Schwung an fernöstliche Tempelbauten, und der Wagen hat seinen Namen weg, noch bevor er richtig auf die Straße kommt: „Pagode“. Zudem erleichtert das Hardtop, ebenfalls aufgrund seiner Formgebung, das Ein- und Aussteigen.
Abgesehen vom Radstand – den magischen Wert von 2400 Millimetern übernimmt man unverändert von den Typen 190 SL und 300 SL – hat der neue SL praktisch keine Gemeinsamkeiten mit seinen beiden Vorgängern. Dennoch ist die Baureihe W 113 keine völlige Neukonstruktion, entspricht ihr technisches Konzept doch weitgehend dem Typ 220 SE (W 111/3). So verwendet der SL beispielsweise die Rahmen-Bodenanlage der „Heckflossen“-Baureihe, freilich verkürzt und verstärkt, einschließlich Vorder- und Hinterrad-Aufhängung.
Außer dem serienmäßigen Viergang-Schaltgetriebe, erstmals bei einem SL, ist auf Wunsch ein Viergang-Automatikgetriebe erhältlich. Als dritte Variante kommt im Mai 1966 ein von der Zahnradfabrik Friedrichshafen (ZF) bezogenes Fünfgang-Schaltgetriebe hinzu.
Sicherheit heißt die neue Vokabel
Die „Pagode“ ist der erste SL, bei dem sich zur sportlichen Schnelligkeit die Sicherheit als Konstruktionsziel gesellt. Da seine Basis die Bodengruppe der berühmten „Heckflosse“ ist, der weltweit ersten Limousine mit Sicherheitskarosserie, hat auch dieser SL eine steife Fahrgastzelle und Knautschzonen in Form leicht verformbarer Front- und Hecksegmente. Diese Bauweise geht auf den Ingenieur Béla Barényi zurück, der für viele Sicherheitsmerkmale bei Fahrzeugen der Marke Mercedes-Benz verantwortlich zeichnet. Der Innenraum ist wie bei der Limousine „entschärft“, es gibt also keine harten Ecken und Kanten. Sicherheitsgurte sind, wie beim Vorgänger, als Sonderausstattung erhältlich. Das Lenkgetriebe ist aus dem crashgefährdeten Bereich vom Vorderwagen an die Stirnwand gerückt, die Lenksäule ist geknickt und besitzt zudem ein Gelenk, das den gefürchteten Lanzeneffekt bei einem Unfall verhindert. 1967 kommen die Sicherheits-Teleskoplenksäule und der Pralltopf im Lenkrad hinzu.
Fahrwerk, Motor und Getriebe
Das Fahrwerk, übernommen aus der Limousine vom Typ 220 SE (W 111), ist auf die Belange des sportlichen Autos abgestimmt. Es bietet eine Kugelumlauflenkung, ein Zweikreis-Bremssystem und Scheibenbremsen an der Vorderachse. Seine Federung ist straff, aber für einen Sportwagen seinerzeit fast untypisch komfortabel. Für die Dämpfung sorgen Gasdruck-Stoßdämpfer, und erstmals fährt ein Personenwagen von Mercedes-Benz auf Gürtelreifen.
Der ebenfalls aus der Limousine stammende Sechszylindermotor muss einige einschneidende Änderungen über sich ergehen lassen, deren wichtigste der Übergang von der Zweistempel- zur Sechsstempel-Einspritzpumpe ist. Damit wird es möglich, den Kraftstoff direkt durch den vorgewärmten Ansaugkanal und die geöffneten Einlassventile in den Brennraum zu „schießen“ und nicht mehr nur in das Ansaugrohr. Der auf 2,3 Liter Hubraum aufgebohrte Motor (M 127 II) leistet so 150 PS ( 110 kW ) bei 5500/min und bietet bei 4200/min ein Drehmoment von 196 Newtonmetern. Dieser sehr sportlich angelegte Antrieb des SL will fleißig gedreht werden, untertourige Drehzahlen sind nicht sein Fall.
Das Vierganggetriebe, ebenfalls aus dem Limousinen-Baukasten, ist lediglich im ersten Gang etwas kürzer ausgelegt, um eine sportlichere Beschleunigung zu erzielen; diese liegt bei 9,7 Sekunden für den Spurt von null auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit des Typ 230 SL mit Stoffdach beträgt 200 km/h, mit Hardtop sind es rund 4 km/h weniger. Die Variante mit optionalem Automatikgetriebe erreicht 195 km/h. Sie ist in den Augen von Sportwagen-Puristen nahezu unmoralisch. Die Geschichte lehrt eine andere Lektion: Beim Auslaufen der „Pagode“ liegt der Automatik-Anteil bei rund 77 Prozent. Ähnliches gilt für die ebenfalls gegen Aufpreis erhältliche Servolenkung. Auch in dieser Hinsicht ist die Baureihe W 113 wegweisend. Denn alle nachfolgenden SL-Typen paaren stets ausgesprochen gute Fahrleistungen mit einem Höchstmaß an Komfort. Vom Typ 230 SL wird die beachtliche Zahl von 19.831 Wagen gebaut.
Hubraumstärkere Nachfolger
Am 27. Februar 1967 präsentiert Mercedes-Benz den 250 SL, der den seit vier Jahren produzierten Typ 230 SL ablöst. Äußerlich ist der Neuling, dessen Serienfertigung bereits im Dezember 1966 begonnen hat, von seinem Vorgänger nicht zu unterscheiden. Die Änderungen betreffen im Wesentlichen den Motor und die Bremsanlage, die beide, leicht modifiziert, vom Typ 250 SE (W 108 III) stammen. Der Motor M 129 III mit einem um 200 Kubikzentimeter vergrößerten Hubraum hat im Vergleich zum Typ 230 SL bei gleicher Leistung von 150 PS (110 kW) bei 5500/min ein um 10 Prozent höheres Drehmoment, bei einem flacheren Verlauf der Drehmomentkurve. Er ist nun, für einen besseren Laufkomfort, mit sieben Kurbelwellenlagern versehen, zudem mit einem Öl-Wasser-Wärmetauscher; erst der spätere Typ 280 SL wird einen Luft-Ölkühler erhalten. Der Typ 250 SL fährt sich somit deutlich elastischer, erreicht aber aufgrund seines höheren Gewichts nicht ganz die Höchstgeschwindigkeit des Vorgängers. Sie beträgt mit dem Viergang-Schaltgetriebe je nach Hinterachsübersetzung (Standard: 1 : 3,92; auf Wunsch: 1 : 3,69) 195 km/h oder 200 km/h (Automatikgetriebe: 190 km/h oder 195 km/h). Mit Fünfgang-Schaltgetriebe ist er nur in einer Variante erhältlich (1 : 4,08), die 200 km/h erzielt.
Die Änderungen an der Bremsanlage umfassen Scheibenbremsen auch an den Hinterrädern, größere Bremsscheiben vorn sowie die Ausrüstung mit Bremskraftregler, um das Überbremsen der Hinterräder zu verhindern. Auf Wunsch gibt es nun eine Differenzialsperre. Einen erweiterten Aktionsradius ermöglicht der vergrößerte Kraftstofftank mit einem Volumen von 82 Litern statt bisher 65 Liter Inhalt. Neben den drei vom Typ 230 SL bekannten Karosserie-Ausführungen ist vom Typ 250 SL auf Wunsch als vierte Version ein Coupé mit Fondsitzbank lieferbar, das erstmals im März 1967 auf dem Genfer Auto-Salon gezeigt wird. Bei dieser sogenannten „California“-Ausführung hat man den für die hintere Sitzbank erforderlichen Raum durch Wegfall von Verdeck und Verdeckkasten gewonnen. Da eine Nachrüstung des Dachs nicht möglich ist, verspricht diese Variante nur in regenarmen Regionen oder mit aufgesetztem Coupédach ungetrübten Fahrspaß.
Bereits weniger als ein Jahr nach der Präsentation des Typ 250 SL ersetzt nach 5.196 gebauten Exemplaren der Typ 280 SL das Fahrzeug. Abgesehen vom Typenschild unterscheidet er sich äußerlich nur an den geänderten Radzierblenden von seinen beiden Vorgängermodellen.
Im Zuge der Markteinführung der neuen Mittelklasse-Typen der Baureihe 114/115 erhalten nicht nur die Limousinen, Coupés und Cabriolets der Oberklasse, sondern auch der SL einen 2,8-Liter-Motor. Die im Typ 280 SL eingesetzte Motorvariante M 130 mobilisiert dank einer Nockenwelle mit geänderten Steuerzeiten 10 PS (7,4 kW) mehr als die Basisversion des Typ 280 SE und leistet 170 PS (125 kW) bei 5750/min. Gegenüber dem Typ 250 SL ist die Leistung um rund 20 PS (15 kW) und das Drehmoment um 10 Prozent gesteigert. Der Kühlerventilator ist erstmals mit einer Visko-Kupplung ausgestattet, welche die Drehzahl begrenzt. Die Beschleunigung von null auf 100 km/h liegt bei 9 Sekunden und die Höchstgeschwindigkeit wieder auf dem Niveau des Typ 230 SL, beträgt also in der Version mit Stoffdach 200 km/h. Sein auf einen weiter erhöhten Komfort ausgelegtes Fahrwerk zeigt sich weicher. Die Service-Intervalle betragen 10.000 anstelle von 3.000 Kilometern.
23.885 Exemplare des schnellen und zuverlässigen Mercedes-Benz 280 SL laufen vom Band. Insgesamt entsteht in den Jahren 1963 bis 1971 die Zahl von 48.912 „Pagoden“ – beachtlich für einen Sportwagen mit derart hohem Anspruch. Heute machen ihre hohe Gesamtqualität, ihre Eleganz und klaren Linien die Baureihe W 113 zu einem begehrten Objekt von Restauratoren und Sammlern.
Die Baureihe W 113 in der Presse
Das Fachmagazin „auto motor und sport“, Deutschland, Heft 6/1963, charakterisiert den Mercedes-Benz 230 SL: „Ein Sportwagen, der 200 km/h erreicht, in weniger als 10 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt und dabei den weichen Motorlauf und den Komfort eines Tourenwagens besitzt.“
Ein ausführlicher Testbericht in „auto motor und sport“, Deutschland, Heft 21/1963, ergänzt: „ Das Fazit: der 230 SL ist einer der kultiviertesten Sportwagen, die es je gegeben hat. Trotzdem verdient er, zu den echten sportlichen Fahrzeugen gezählt zu werden, denn er erreicht nicht nur sportliche Leistungen, sondern ist auch so handlich und fahrsicher, wie man es von einem Sportwagen erwarten muss. [...] Und schließlich: man kann den 230 SL zwar sehr schnell fahren, aber man kann mit ihm auch das Bummeltempo einhalten, das der Straßenverkehr einem so häufig aufzwingt. “
„Road & Track“ beschäftigt sich in der Ausgabe 08/1968 mit dem Typ 280 SL: „Das Fahren ist auf jeglichen Straßen fantastisch. Die Karosserie bietet hohe Steifigkeit und Geräuschfreiheit, unabhängig vom verwendeten Dach, und die geschmeidige Federung arbeitet einfach vor sich hin, ohne das superbe Schweben des SL zu stören.“
Technische Highlights des Mercedes-Benz SL der Baureihe W 113
  • Spielerisch leicht zu bedienendes Faltverdeck
  • Sechszylindermotor mit Sechsstempel-Einspritzpumpe
  • Erstmals bei einem SL ist ein Automatikgetriebe erhältlich
  • Sicherheitskarosserie mit steifer Fahrgastzelle und verformbaren Front- und Hecksegmenten
  • Zahlreiche weitere Sicherheitsmerkmale wie entschärfter Innenraum und geknickte Lenksäule
  • Scheibenbremsen an der Vorderachse, ab 1967 auch an der Hinterachse
Produktionszahlen
Typ
Konstruktions- bezeichnung
Produktionszeit Vorserie bis Ende
Stückzahl
230 SL
W 113
1963-1967
19,831
250 SL
W 113 A
1966-1968
5,196
280 SL
W 113 E 28
1967-1971
23,885
Gesamtzahl
 
 
48,912
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