205,666 km/h: Schnellster Mensch auf Erden
Stuttgart
08.10.2009
Victor Hémery
geboren: 18. November 1876 in Brest/Frankreich
gestorben: 8. September 1950 in Le Mans/Frankreich
Sein Ruf eilt ihm voraus: Im Jahr 1907 verpflichtet Benz & Cie. einen der erfolgreichsten Rennfahrer der damaligen Zeit – Victor Hémery. Wenig später erzielt er für das Unternehmen seinen wohl bedeutendsten Triumph: Auf dem „Blitzen-Benzdurchbricht er als erster Mensch überhaupt die 200-km/h-Marke. Für Benz fährt er bis 1910, danach wieder für andere Hersteller. Seine große Zeit als Rennfahrer endet mit Beginn des Ersten Weltkriegs. Zwar bleibt er darüber hinaus dem Motorsport verbunden, tritt aber nicht mehr mit großen Erfolgen in Erscheinung.
Der Blitzen-Benz ist ein Koloss des Motorsports. Der Rekordwagen, offiziell
Benz 200 PS genannt, ist gezielt gebaut für den Zweck, Geschwindigkeits-Bestmarken einzufahren und damit Werbung für die Qualitätsprodukte aus Mannheim zu machen. Herzstück ist ein gewaltiger Motor, der aus 21,5 Liter Hubraum eine Leistung von
147 kW entwickelt. Das Fahrzeug wird um den Motor herumgebaut und ist auch physisch eine mächtige Erscheinung. Sie wird unterstrichen von einem Arbeitsgeräusch, das die Beschreibung „infernalisch“ zu Recht tragen darf – wenn ein Blitzen-Benz angelassen ist, lässt der Motor mit seinem bollernden Motorengeräusch bald die Ohren gellen. Der Boden um das Fahrzeug vibriert. Dass dazu noch die eine oder andere Flamme aus dem Auspuffrohr schlägt, wird meist nur noch als passendes Beiwerk für das eindrucksvolle Spektakel registriert.
In diese Maschine setzt Victor Hémery sich am 8. November 1909. Die englische Brooklandsbahn ist gerade zwei Jahre alt und die einzige Strecke in Europa, um wirklich schnell zu rollen. Zunächst fährt er sich ein, tastet sich aber zugleich an die Geschwindigkeitsgrenze heran: Eindeutiges Ziel ist es, an diesem Tag erstmals schneller als 200 km/h unterwegs zu sein. Brooklands macht es ihm nicht leicht. Denn die beiden Steilkurven des Betonovals, zwar für höchste Geschwindigkeiten gebaut, setzen zugleich Grenzen: Ist man zu schnell unterwegs, droht der Abflug. Hémery beherrscht schließlich das Auto und die Strecke: 205,666 km/h registriert die Zeitnahme für die halbe Meile mit fliegendem Start, 202,648 km/h für den Kilometer. Noch drei weitere Rekorde holt Hémery – ein großer Tag für Benz. An dem übrigens erstmals die Zeitnahme mit frei Stellen hinter dem Komma möglich ist, dank eines neuen Apparats der Firma Holden.
Hémery ist ein Pionier auf dem Automobil, das zur damaligen Zeit gerade den Kinderschuhen entwächst. Nach einer Ausbildung als Mechaniker stößt er 1895 zum Unternehmen Léon Bollée und ist dort bis 1900 als Techniker, aber auch als Fahrer tätig. Er wechselt zu Darracq, wo er als Chef der Versuchsabteilung unter anderem mehrere Rennwagen für den Gordon-Bennet-Cup – die Vorläufer-Veranstaltung der späteren Grand-Prix-Rennen – aufbaut und abstimmt. Oft tritt Hémery auch selbst bei Rennen an. 1905 baut Darracq ein Rekordauto, mit dem er prompt auch einen Bestwert für die Marke holt: 176,5 km/h erzielt Hémery. Ohnehin gilt 1905 mit diversen Triumphen als das erfolgreichste Jahr seiner Karriere. Auf Darracq gewinnt er das Ardennenrennen in Bastogne/Belgien sowie den Vanderbilt Cup auf Long Island/USA.
Benz wird auf den Franzosen aufmerksam, der 1907 dann als Werksfahrer zum Mannheimer Unternehmen stößt. Im gleichen Jahr nimmt er an verschiedenen Veranstaltungen teil; den Coupe d’Evreux gewinnt er, alle anderen beendet er als Zweiter. 1908 gewinnt er das Rennen Petersburg – Moskau (Eigenwerbung von Benz: „Das schärfste Rennen im Automobilsport“), welches „auf zum Teil verwahrlosten Straßen über 686 Kilometer führte, mit seinem Benz-Wagen des Großen Preises, in der erstaunlichen Zeit von 8 Stunden 30 Minuten, was eine mittlere Geschwindigkeit von mehr als 80 Kilometer in der Stunde ergibt“, wie die „Automobil-Welt“ schreibt. Das sind die Eckwerte, die zu Beginn des Jahrhunderts aus einem Rennfahrer einen Helden machen.
Hémery unterstreicht diesen Ruf im gleichen Jahr beim Grand Prix von Frankreich, wo er hinter Christian Lautenschlager auf Mercedes und vor René Hanriot, ebenfalls auf Benz, ins Ziel kommt. Für ihn unter erschwerten Umständen: In der siebten Runde, nach fünf Stunden zermürbender Fahrt, zertrümmert ein Stein sein linkes Brillenglas und verletzt ihn am Auge. Er fährt bis zu den Boxen, wo ein Arzt ihm den Splitter entfernt, und setzt unter Sehschwierigkeiten das Rennen fort.
Auch bei anderen Veranstaltungen landet er, wiederum, stets auf dem zweiten Platz, oftmals mit nur einer Sekunde Rückstand auf den Sieger. Das macht ein wenig die Tragik seiner Karriere aus: Hémery fährt zwar stets ganz vorn mit, doch gewinnt er vergleichsweise selten. Seinem Ruhm tut das keinen Abbruch, er ist einer der schillerndsten Fahrer in der Zeit von 1900 bis 1914. Vielleicht macht die Faszination für seine Person auch sein mitunter impulsives Verhalten aus: Mehr als einmal wird er disqualifiziert, weil er bei Rennen Funktionäre und Kollegen wüst beschimpft.
Nach seiner Zeit bei Benz fährt er noch auf verschiedenen Marken, mit einer ähnlich durchwachsenen Erfolgsbilanz. Der Erste Weltkrieg setzt seiner Karriere ein Ende. Zwar ist Hémery auch danach noch aktiv am Volant, doch gelingt es ihm nicht mehr, an seine früheren Erfolge anzuknüpfen. Am 8. September 1950 begeht Victor Hémery, vollkommen verarmt lebend, im Alter von 74 Jahren in Le Mans/Frankreich Selbstmord, wenige Tage später folgt ihm seine verzweifelte Ehefrau nach. 1951 wird Hémery posthum der Titel des US-Meisters für 1905 zugesprochen.
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