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Avantgardistisch in Design und Technik
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Erster Großserien-Heckmotorwagen der Automobilgeschichte
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Weitere Projekte der 1930er-Jahre von Daimler-Benz für kleinere Fahrzeuge gelangen nicht zur Serienreife
Noch bevor die Baureihe W 15 eingeführt wird, beginnen die Ingenieure und Techniker bei Daimler-Benz, ein nochmals preiswerteres und kompakteres Einsteigermodell zu entwickeln. Vorstandsmitglied Wilhelm Kissel, von 1937 bis 1942 dann Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG, hat den Erfolg mit dem Benz 8/18 PS nicht vergessen. Er drängt seine Konstrukteure immer wieder, preisgünstigere Automobile auf Mercedes-Benz Niveau zu bauen.
Der Typ 130 (W 23) erfüllt diese Forderung. Er wird im März 1934 auf der Internationalen Automobil- und Motorrad-Ausstellung (IAMA) in Berlin vorgestellt. Zum Zeitpunkt der Präsentation ist er nicht nur der kleinste Serien-Pkw, der erste Heckmotorwagen und das erste Vierzylindermodell von Daimler-Benz, sondern auch der erste in Großserie hergestellte deutsche Heckmotorwagen, sieht man von diversen Kleinstwagen ab. Offiziell trägt er nie das „H“ in der Typenbezeichnung.
Der Typ 130 folgt einem vollkommen neuen Entwurf. Ein Prospekt fasst den Anspruch von Mercedes-Benz an das Fahrzeug zusammen: „Die Konstruktion des
Mercedes-Benz Typ 130 ist zweifellos eine der interessantesten Aufgaben gewesen, die jemals im Automobilbau zu lösen war, galt es doch, einen Wagen zu schaffen, der die Fahreigenschaften eines größeren Schwingachsers, den Raumkomfort eines modernen Mittelwagens und die Betriebskosten eines Kleinwagens besitzen sollte.“
Das Fahrzeug macht neugierig und weckt fast die Erwartung, innen größer als außen zu sein – und es enttäuscht nicht. Der Typ 130 überrascht mit einem erstaunlich geräumigen Innenraum, nicht viel kleiner als beim Mercedes-Benz 170 mit Sechszylindermotor.
Der wassergekühlte 1,3-Liter-Vierzylindermotor ist eine Neukonstruktion mit stehenden Ventilen und Steigstromvergaser, leistet 19 kW bei 3400/min und ermöglicht eine Höchstgeschwindigkeit von 92 km/h. Damit ist das Fahrzeug sogar geringfügig schneller als der Typ 170. Zupass kommt ihm dabei seine für die damalige Zeit strömungsgünstige Form.
Mercedes-Benz liefert den Typ 130 als zweitürige Limousine und als zweitürige Cabrio-Limousine. Für Behörden-Sonderzwecke werden auch Versionen als offener Tourenwagen und Kübelwagen angeboten. Zudem hat es Pläne gegeben, auch das blanke Fahrgestell für Sonderkarosserien zu offerieren, doch für die Umsetzung fehlen Nachweise.
Als Nachteil der Heckmotorwagen wird oft ihr Fahrverhalten angeführt, das aufgrund ihrer Gewichtsverteilung schwierig sei – in zu schnell gefahrenen Kurven kann es zum Übersteuern kommen, also zu einem nach vorn drängenden Heck. Keine Frage: Aufgrund physikalischer Grundlagen ist diese Tendenz vorhanden, und zwar generell bei Heckmotorfahrzeugen aller Hersteller. Zeitgenössische Fahrberichte zu den Mercedes-Benz Fahrzeugen testieren diese Tendenz und sparen nicht mit Kritik, sagen aber gleichwohl, dass der Fahrer sich darauf einstellen könne und das eben auch tun müsse, dann sei man in jeder Situation sicher unterwegs.
Der innovative Typ 130 wird den in ihn gesetzten Erwartungen nicht gerecht. Offenbar ist er seiner Zeit zu weit voraus, insbesondere mit seiner für einen Mercedes-Benz sehr ungewöhnlichen Form. Bis Anfang 1936 entstehen zwar fast 4300 Exemplare, der Typ 170 bringt es im gleichen Zeitraum jedoch auf gut 6000 Einheiten. Der Typ 130 wird nach zwei Jahren von einem Modell
gleicher Grundkonzeption abgelöst: dem Typ 170 H (W 28), der leistungsstärker und etwas größer, aber zugleich auch teurer ist. Als Einsteigermodell in das
Mercedes-Benz Pkw-Programm fungiert nun der zeitgleich mit dem Typ 170 H vorgestellte Mercedes-Benz 170 V (W 136), der Nachfolger des Typ 170 (W 15) mit vorne angeordnetem Motor. Der Typ 170 V kann den Erfolg seines Vorgängers noch steigern und wird mit zum meistgebauten Mercedes-Benz Modell vor 1945. Zudem bildet er nach dem Zweiten Weltkrieg die Basis für die Wiederaufnahme der Pkw-Produktion.
Der in der Vorentwicklung tätige Ingenieur Josef Müller, der nicht nur für den Formelrennwagen W 25 des Jahres 1934 entscheidende Impulse liefert, gibt sich mit dem Konzept des Typ 130 nicht zufrieden. Auf seinen Zeichenbrettern entstehen 1934 zwei äußerst beachtenswerte Vorschläge. Der eine ist ein Wagen mit Heckmotor quer über der Hinterachse und einem Achsantrieb zwischen Kupplung und Getriebe. Ziel dieser Konstruktion ist ein möglichst kleiner hinterer Überhang. Der zweite Vorschlag von Müller, der auch die Vorstellungen von Prof. Wunibald Kamm über die Vorteile des Frontantriebs kennt, verlegt den gesamten Antriebsblock in Frontposition. Müller verspricht sich einen besseren Geradeauslauf und einen größeren Kofferraum. Doch zu einer Serienentwicklung kommt es nicht.
Mercedes-Benz 130 V (W 144)
Noch während der Produktionsvorbereitung des Typ 170 V wird bei Daimler-Benz ein erneuter Anlauf zur Entwicklung eines kleineren Fahrzeugs unternommen. Gustav Röhr, seit 1935 neuer Leiter der Pkw-Entwicklung, plant eine vollkommen neue Pkw-Modellpalette, die modular konzipiert ist. Als kleinstes Modell ist der Typ 130 V (W 144) vorgesehen, ein für die damalige Zeit außerordentlich fortschrittliches Automobil. Er hat Frontantrieb und einen 24 kW starken wassergekühlten Vierzylinder-Boxermotor mit 1,3 Liter Hubraum. Angeflanscht ist ein Fünfgang-Getriebe, dessen fünfter Gang als Schongang ausgelegt ist. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 100 km/h und liegt damit etwas unter dem Mercedes-Benz 170 V. 18 Versuchswagen entstehen als Zwei- und Viertürer. Nach dem unerwarteten Tod von Röhr im August 1937 wird das gesamte Projekt aber zugunsten der etablierten Modelle gestoppt. Dabei spielt vielleicht auch der überragende Verkaufserfolg des Typ 170 V eine Rolle – allein bis Ende 1936 entstehen mehr als 12.600 Fahrzeuge, und bis 1942 werden insgesamt fast 73.000 Stück produziert.
Zudem propagieren die damaligen Machthaber ein eigenes Projekt für einen preisgünstigen Wagen – den Volkswagen. Vom politischen Katheder setzen sie einen Preis an, der nur über Subventionen erreichbar ist: 995 RM. Dieser lässt sich mit einer echten betriebswirtschaftlichen Kalkulation nicht erzielen. Ein Vergleichspreis, um die Situation zu verdeutlichen: 1944 bezahlt die Wehrmacht für den Kübelwagen auf Volkswagen-Basis, der im Vergleich zur Volkswagen-Limousine ein äußerst einfaches Auto ist, 3500 RM.
In der Vorstandssitzung am 10. Februar 1939 bemerkt Kissel resignierend, dass „sich die maßgebenden Behörden in Widerspruch zu den wiederholten Erklärungen des Führers stellen, dass der Volkswagen niemanden verdrängen werde, sondern dass er ein zusätzliches Geschäft ergeben soll“. Kissel lässt den 1,3-Liter-Wagen und damit alle eigenen Projekte für ein kleineres Fahrzeug fallen und vereinigt die Kräfte des Unternehmens auf die Typen der bisherigen Daimler-Benz „Mittellage“, wie es heißt, womit die Mittelklasse gemeint ist.