Begegnungen – die Frauen des Sterns
Stuttgart
,
30.11.2011
Dr. Doris Bernhardt, Projektleiterin in der Fahrzeugentwicklung
Leidenschaft. Die Geburt eines neuen Sterns.
Ihre Welt sind die Sterne von morgen – und ihre besondere Aufmerksamkeit gilt dem Sternbild „Kleiner Wagen“. Dr. Doris Bernhardt hat in den letzten Jahren den ersten Spross der neuen Mercedes-Benz Kompaktwagengeneration mit aus der Taufe gehoben: die neue B-Klasse, die seit November 2011 erhältlich ist. Als Abteilungsleiterin des Versuchs war sie die „Mutter“ der geheimnisvollen „Erlkönige“, wie die Prototypen neuer Baureihen genannt werden.
Seit 20 Jahren ist Doris Bernhardt in der Automobilentwicklung zu Hause und hat sich den Ruf einer versierten Projektleiterin erarbeitet. 2008 holte Mercedes-Benz sie in seine Pkw-Entwicklung im Werk Sindelfingen. Ihr erstes Projekt war gleich eine ganz besondere Herausforderung: die Mitentwicklung der völlig neu konzipierten B-Klasse.
In der Abteilung „Gesamtfahrzeugversuch A-/B-Klasse“ übernahm die promovierte Werkstoffwissenschaftlerin ein eingespieltes Team von 25 Männern, die bis dato noch keine Frau als Chefin hatten. Anfängliche Bedenken waren jedoch schnell verflogen. „Die ‚Jungs’ waren einfach klasse. Sie haben mich auf Anhieb akzeptiert und in jeder Hinsicht unterstützt“, schwärmt Doris Bernhardt. Eine sympathische Frau, die Zielstrebigkeit und Engagement mit Ruhe, Gelassenheit und Souveränität verbindet.
Prototypen aus Kundensicht testen
Fast drei Jahre testete sie mit ihrem Team die Entwicklungsfahrzeuge und Vorserienmodelle der neuen B-Klasse. Dabei blickte sie in jeder Beziehung ausschließlich durch die Brille der potenziellen Kunden. „In der Versuchs-werkstatt begleiten wir die Entwicklung neuer Fahrzeuge rein aus Kundensicht bis zur Serienreife und nehmen sie dann auch aus dieser Perspektive ab“, erläutert die gebürtige Schwarzwälderin aus Freudenstadt. „Vom Fahrgefühl über Handling und Komfort bis hin zur gefühlten Qualität prüfen und beurteilen wir, ob alles den Wünschen und Bedürfnissen der künftigen Käufer entspricht.“
Das Spektrum reicht von der Erprobung der Motoren und Getriebe über die Prüfung von Federungskomfort, Sicherheitsassistenzsystemen und Klimaanlage bis hin zur Beurteilung der Ergonomie, wie der Erreichbarkeit aller Bedienelemente, sowie der Geräuschentwicklung im Innenraum.
Das Ziel: Perfektion bis ins Detail
Auf den Prüfständen im Mercedes Technology Center (MTC) in Sindelfingen wurden beispielsweise Karosserie und Fahrwerk der B-Klasse härtesten Tests unterzogen, die in wenigen Wochen die Beanspruchung eines ganzen Autolebens simulierten. Gewaltige Kräfte rüttelten und schüttelten die Karosserie, zerrten an den Achsen, sodass der Eindruck entstand, das Fahrzeug würde jeden Moment bersten. „Die Testergebnisse zeigen in einer frühen Entwicklungsphase, ab welcher Belastung Schäden auftreten, an welchen Stellen der Karosserie zu viel oder zu wenig Material verarbeitet wurde“, erläutert die Versuchsleiterin.
Ebenso schonungslos waren die systematischen Langstreckentests im Alltagsverkehr und auf Versuchsstrecken. Doris Bernhardt schickte die mit Sichthüllen getarnten Prototypen rund um die Welt zur Dauerbelastung unter verschiedenen Klima- und Straßenbedingungen. Die Motoren wurden zum Beispiel in Südafrika erprobt, die Klimaanlage bei Extremtemperaturen im heißen US-Bundesstaat Texas und im kalten Nordschweden, das Fahrwerk auf einem Testgelände in Norddeutschland und ein Teil der Elektrik und Elektronik in Japan. Rund acht Millionen Kilometer legten die Erlkönige der B-Klasse auf Autobahnen, Überlandstraßen, Schotter- und Schneepisten sowie im zäh fließenden Stadtverkehr zurück. So manche Testfahrt hat Bernhardt auch selbst absolviert.
Jeder einzelne Kilometer wurde genau dokumentiert. Hunderte Sensoren an Bord der Versuchswagen fühlten der Technik auf den Zahn. Sie erfassten Temperaturen, Drücke, Spannungen oder Drehzahlen und lieferten auf diese Weise Myriaden von Messdaten, die die 50-jährige Abteilungsleiterin den Entwicklungsingenieuren zur weiteren Analyse überreichte.
Und wie lautet ihr Fazit? „Die neue B-Klasse ist in jeder Hinsicht ein gelungenes Premium-Fahrzeug in der Kompaktklasse“, sagt Bernhardt stolz. „Mit ihren neuen Motoren, Getrieben und Assistenzsystemen läutet sie technologisch ein neues Kompaktklasse-Zeitalter bei Mercedes-Benz ein. Die Kunden profitieren durch niedrige Verbrauchs- und CO2-Werte kombiniert mit noch mehr Fahrspaß, noch mehr Platz und hochwertigem Komfort im Innenraum sowie noch mehr Sicherheit.“
„In jedem modernen Automobil steckt ein Stück Mercedes-Benz“
Die B-Klasse verfügt als weltweit erster Kompaktwagen serienmäßig über eine radargestützte Kollisionswarnung mit adaptivem Bremsassistenten, die die Gefahr eines Auffahrunfalls in allen Verkehrssituationen verringert. Insgesamt stehen zwölf Sicherheitssysteme zur Auswahl, die aus größeren Baureihen in die B-Klasse übernommen werden – vom Totwinkel- und Spurhalteassistenten über die Müdigkeitserkennung und den Geschwindigkeitslimitassistenten, der Verkehrsschilder identifiziert, bis hin zum präventiven Insassenschutzsystem PRE-SAFE®. Jeder dieser innovativen „elektronischen Beifahrer“ verkörpert einen wichtigen Schritt auf dem Weg zum unfallfreien Fahren, den Mercedes-Benz konsequent verfolgt.
„Keine andere Automobilmarke forscht so intensiv auf dem Gebiet der automobilen Sicherheit und hat so viele entscheidende Innovationen auf den Markt gebracht wie der Erfinder des Automobils“, erzählt die Schwäbin. Viele von Mercedes-Benz eingeführte Innovationen haben sich als allgemeiner Branchenstandard durchgesetzt, wie die gestaltfeste Fahrgastzelle, das Antiblockiersystem ABS, der Airbag oder das Elektronische Stabilitäts-Programm ESP®. „Man kann sagen, dass in jedem modernen Automobil ein Stück Mercedes-Benz steckt.“
Auf die Frage, was Mercedes-Benz jenseits von Sicherheit und Antriebstechnik noch erfinden könnte, hat sie spontan eine Idee: „Eine automatische Heckklappenöffnung, die mich per Sensor oder Zuruf erkennt und die Klappe öffnet, ohne dass ich Taschen und Tüten abstellen muss“, sagt sie und lacht vergnügt. Auch daran wird bei Mercedes-Benz gearbeitet, was einmal mehr zeigt: Der Erfinder des Automobils legt auch großen Wert auf kleine Details, die das Leben der Autofahrer komfortabler und angenehmer machen.
Ihr Steckenpferd ist die anorganische Chemie
Doris Bernhardt ist eine Frau mit einem besonderen Faible für Technik und Naturwissenschaften. Seit ihrer Schulzeit geht sie zielstrebig ihren Weg. Als sie für ihre Abiturklausur in Chemie unerwartet mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde, dachte sie: „Wenn das so ist, dann sollte ich mein Talent wohl weiter ausbauen.“ Sie studierte in Karlsruhe Mineralogie mit Schwerpunkt physikalische Chemie und Werkstoffkunde. Nach der Promotion am Stuttgarter Max-Planck-Institut für Metallforschung stand sie vor der Wahl: Chemische Industrie oder Automobilindustrie. Die Entscheidung fiel ihr nicht schwer. Denn das Auto war schon in ihrer Kindheit etwas Besonderes. Sie ist sozusagen in der Welt aus Drehzahl, PS und Hubraum aufgewachsen. „Mein Vater war ein absoluter Auto-Enthusiast, das hat mich wohl beeinflusst“, gesteht sie.
Selbstbewusst und stets offen für Neues machte sie in der Automobilbranche schnell Karriere. Zunächst als Werkstoffwissenschaftlerin im Labor und dann als Projektmanagerin. Die Lust an neuen Erfahrungen und der Spaß an der Arbeit haben sie vorangetrieben. Obwohl sie sich nicht mehr vorstellen kann, zurück ins Labor zu gehen, lässt sie die anorganische Chemie nicht los. „Ich lese immer noch viele Fachveröffentlichungen, es ist einfach ein wahnsinnig spannendes Gebiet.“
Krimis und Theater als Alltags-Ausgleich
In ihrer Freizeit liebt sie es, zur Entspannung in völlig andere Welten einzutauchen. Sie ist eine leidenschaftliche Krimileserin, schwärmt für Theater und Musicals. Doch leider bleibt meist viel zu wenig Zeit für kulturelle Veranstaltungen. Und wenn sie im Leben einen Wunsch frei hätte? Dann würde sie gerne in 100 Jahren noch mal für einen Tag auf die Welt kommen, um den technologischen Fortschritt zu sehen. „Ich würde gerne wissen, wie die Menschen sich dann fortbewegen, wie sie wohnen und sich ernähren, ob es wirklich einen großen Fortschritt gegeben hätte oder vielleicht sogar einen Rückschritt“, sinniert die Naturwissenschaftlerin und wäre sofort bereit für eine spannende Diskussion über Fortschritt, Zukunft und die mögliche Existenz von Leben auf anderen Planeten.
Die nahe Zukunft, jedenfalls was Autofahren und Mercedes-Benz betrifft, gestaltet sie selbst mit – als Projektleiterin für weitere neue Sterne in der Kompaktklasse. Mehr will sie nicht verraten.
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