Unabhängig vom Stil, dem einzelne Zeichner zugeordnet werden, haben viele von ihnen Automobile von Mercedes-Benz noch viel stärker in den Vordergrund gerückt als Hergé. Da glänzt der schwarze Lack einer Heckflosse in den „Minimenschen“ von Seron in geradezu cineastischer Weitwinkel-Einstellung. André Franquin lässt in seinen Serien „Spirou und Fantasio“ und „Gaston“ die ganze Modellpalette vom Ponton bis zum W 124 zum Defilee in seinen Bildern erscheinen. Und die Rennfahrer-Comics um Michael Vaillant setzen neben soliden Limousinen auch den Rennsportwagen C 291 der Klasse C und die Formel-1-Boliden des Teams McLaren-Mercedes beeindruckend ins Bild.
Doch nicht immer liefern die Bildabenteuer komplette Ansichten der Limousinen und Lastwagen: Detailstudien, vom Rand der einzelnen Bildfelder („Panels“) angeschnitten, werden für den Betrachter regelmäßig zum spannenden Rätsel. Das optisch herausragende Merkmal der Mercedes-Benz Limousinen ist natürlich der Stern auf dem Kühler. Selbst wenn André Franquin die Front eines W 116 für seine Serie „Gaston“ in einer dynamischen Straßenszene des Albums „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ stark verfremdet – ein Zweifel an der Herkunft des Wagens kommt nicht auf. Und auch ohne Stern erkennt der Betrachter Einzelheiten zeitloser Karosserien im Comic schnell als Merkmale eines Mercedes-Benz. So beispielsweise das markante Heck des W 110, angeschnitten und als Schattenriss ebenfalls in „Gaston“ gezeigt. Da verlangt die Zeichnung eines Lenkrads mit dem Mercedes-Stern im Pralltopf auf einer Seite des italienischen Comics „Dylan Dog“ schon etwas mehr Erfahrung, um das Steuer dem W 201 zuzuordnen.
Die Schönheit der Heckflosse und die Kraft des Unimogs in Comic-Abenteuern vergangener Jahrzehnte begeistern nicht nur Liebhaber klassischer Automobile. Denn die Sattelzüge und Limousinen, Sportwagen und Transporter mit dem Mercedes-Stern sind in den Bildgeschichten mehr als nur Requisite oder Kulisse der Handlung. Sie erzählen selbst Geschichten, sind Ausdruck der technischen Entwicklung, der Mobilität und der Einstellung zum Automobil in ihrer Epoche: Im Gegensatz zu den amerikanischen Superheldengeschichten mit ihren Phantasievehikeln und jenen fröhlich gerundeten Automobilabstraktionen in Serien wie „Fix und Foxi“ thematisieren realistisch gezeichnete Comics das Automobil durchaus als Dokument seiner Zeit, mit dem bestimmte Attribute verbunden sind. Das lässt sich wohl an keinem Beispiel besser zeigen als an den Fahrzeugen von Mercedes-Benz, die in so gut wie allen Bereichen präsent sind, in denen das Automobil eingesetzt wird.
Unter den zahlreichen Beispielen lassen sich Themenfelder erkennen – je nach Jahrzehnt und Baureihe. Da geht es zum Beispiel in den 1950er Jahren um die edle Schönheit der SL-Modelle. Der Ponton dagegen ist die erste Mercedes-Limousine nach dem Zweiten Weltkrieg, die als modernes, vernünftiges Fahrzeug in aller Welt Präsenz zeigt. Der W 100 bewährt sich wiederum nach 1964 als höchst repräsentative Staatslimousine in Europa und dem Nahen Osten gleichermaßen. Auch der spanische Comic-Autor Francisco Ibáñez Talavera lässt den W 100 in seiner Comic-Serie Mortadelo y Filemón (Clever und Smart) auftreten. Dabei karikiert er den Status des „Sechshunderters“ als Luxusautomobil, wenn es in der Ausstattungsliste heißt: „Der Chauffeur ist erhältlich in den Ausstattungsvarianten Festlich, Sportlich, Steif ...“.
Die Nutzfahrzeuge von Mercedes-Benz zeigen sich im Comic ähnlich international. Sei es der Unimog, der im französischen Hafen, bei der britischen Feuerwehr und auf internationalen Rallyes eingesetzt wird. Oder der klassische Kurzhauber, der 1959 als moderner Lastwagen die alten Modelle mit langer Motorhauber abgelöst hat: Noch lange nach dem Ende der Produktion dient er in modernen Comics als zuverlässiges Lastauto, zu sehen beispielsweise auf Bilder in der afrikanischen Wüste oder den unwegsamen Bergregionen Südamerikas.