In den francobelgischen Comics ist die Verbindung zwischen Bildgeschichte und Automobilkultur am produktivsten. Hier hat 1929 mit dem ersten Abenteuer der Serie „Tintin“ („Tim und Struppi“) von Hergé die Entwicklung einer Comic-Tradition begonnen, die häufig mit einer Mischung aus realistischen Hintergrundzeichnungen und abstrakten Figuren arbeitet. Gerade bei der Darstellung von Automobilen lassen die Zeichner immer wieder ihrer Lust am Detail freien Lauf – egal ob es sich um Lastwagen oder Roadster handelt, um Taxis oder Transporter.
Und gleich das erste Auto, an dessen Steuer Hergé den jungen Reporter Tintin zeigt, ist ein Mercedes. 1929 schickt Georges Remi, so der bürgerliche Name des Zeichners, seinen neuen Helden auf eine Reportagereise in die Sowjetunion. Dabei vertauscht dieser in Berlin den Platz im Zug gegen einen Mercedes, den er ausgerechnet der Polizei entwendet. Doch so etwas bleibt die Ausnahme, später wird Tim sehr viel seriöser. Nicht nur der Charakter des Protagonisten wandelt sich, auch der Stil des Zeichners. Diese ersten Zeichnungen haben wenig mit den detailreichen und feinen Comics zu tun, die Hergé als Begründer der „ligne claire“ berühmt machen sollen. Dennoch lässt schon die Szene, die Tintin während seiner rasanten Fahrt in einem Mercedes 15/70/100 PS (von 1926 an wurde dieses Fahrzeug als Mercedes-Benz Typ 400 gebaut) aus den 1920er Jahren zeigt, keinen Zweifel an der Herkunft des Automobils. Vom spitzen Kühler bis zum Mercedes-Stern, der noch nicht vom heutigen Ring umschlossen ist, hat Hergé die wichtigsten Details des Fahrzeugs erkannt und in seiner stark vereinfachten Zeichnung umgesetzt. Zu den Wagen der Marke Mercedes-Benz, die der Zeichner in seinem Werk antreten lässt, gehören außerdem Ponton, Mercedes-Benz 300, der Roadster 190 SL und der Transporter L 319. Einen eindrucksvollen Auftritt hatten diese Fahrzeuge im Juli 2005 bei der „Rallye Tintin“ in Brüssel. Aus der Sammlung des Mercedes-Benz Museum nahm ein Mercedes 15/70/100 aus dem Jahr 1925 an der Rallye teil – natürlich mit der Startnummer Eins als erstes von Tim gesteuertes Fahrzeug. Historisches Bewusstsein zeigten auch die Teilnehmer, die mit Roadstern des Modells Mercedes-Benz 190 SL an der Rallye teilnahmen: Auf den Türen der Wagen prangte die Startnummer 11, so wie auf den Seiten des 190 SL, den Hergé im Finale des Albums „Kohle an Bord“ zeigt.
Schon nach wenigen Jahren sind aus den vergleichsweise groben Bildern des ersten Abenteuers filigrane Grafiken geworden. Und die Detailgenauigkeit hat Hergé längst perfektioniert. Zweimal überarbeitet der belgische Zeichner zum Beispiel das Album „Die schwarze Insel“ – unter anderem, um die Darstellung eines Löschfahrzeugs zu aktualisieren. Mit seinen Fahrzeugstudien setzt Hergé Maßstäbe und zeichnet später in seiner Karriere sogar Werbung für französische Automobile.
Die Verbindung aus Comic und Werbung hat auch Mercedes-Benz erfolgreich eingesetzt: Zur Vorstellung des Viano im Rheingau schufen Michael Apitz und Patrick Kunkel, die Väter der Comic-Serie „Karl“, eigens ein Comic ihres Spätlesereiters, das sich um das neue Modell dreht.